In der ZEIT Nr. 50/85 hat sich Wolfgang Krüger kritisch mit dem jüngsten Buch des aus der Tschechoslowakei emigrierten Reformers und Wirtschaftswissenschaftlers Ota Šik auseinandergesetzt. Šik fühlt sich an vielen Stellen mißverstanden.

In der Besprechung meines Buches "Ein Wirtschaftssystem der Zukunft" hat Wolfgang Krüger angebliche Ansichten von mir kritisiert, die weder in diesem Buch noch an irgendeiner anderen Stelle meiner Arbeiten und Vorträge enthalten sind. Da es sich um ziemlich grundsätzliche Probleme handelt, möchte ich durch die folgenden Bemerkungen die gröbsten Verzerrungen aus Krügers Besprechung berichtigen. Vielleicht gelingt es mir damit zu verhindern, daß sich einmal mehr völlig falsche Vorstellungen über meine Ideen verbreiten.

Meine Modellvorstellungen laufen zum ersten nicht auf die grundsätzliche Abschaffung privater Kapitaleigentümer hinaus. Alle meine vergangenen Erfahrungen haben mir die Unersetzlichkeit privater Unternehmertätigkeit und Gründungsinitiative gezeigt. Diese soll erhalten bleiben und abgesichert werden. Mein Vorschlag zur Kapital- und Gewinnbeteiligungen der Mitarbeiter soll ergänzend dazu den Gegensatz zwischen einseitigen Lohn- und Gewinninteressen überwinden und bei den Mitarbeitern ein Interesse an und eine Mitverantwortung für die Kapital- und Investitionsentwicklung schaffen. Dies steht in Einklang mit den Bestrebungen der von Krüger zitierten Arbeitsgemeinschaft zur Förderung der Partnerschaft in der Wirtschaft (AGP).

In den großen Konzernen und Kapitalgesellschaften existiert nun aber der private Unternehmer im Grunde sowieso nicht mehr: Das Kapitaleigentum der Aktionäre hat vornehmlich die Funktion der Kapitalanlage, nicht des Produktionsfaktors, und die Unternehmerfunktion ist auf bezahlte Manager übergegangen. Hier könnte nach meinen Vorstellungen das – aus einem Teil der Gewinne jeweils neu geschaffene – Kapital stufenweise neutralisiert werden und auf diese Weise in unteilbaren Kollektivbesitz der Mitarbeiter übergehen: Neutralisiertes Kapital gehört niemandem persönlich, es dient der Unternehmung als reiner Produktionsfaktor. Von Mitarbeitergesellschaften könnte man dann sprechen, wenn eine Kapitalmehrheit die Form des neutralisierten Kapitals erreichen würde. Überall dort, wo es private Kapitaleigentümer gibt, sind diese jedoch auch in den entsprechenden Aufsichtsräten vertreten. Es bleibt mir deshalb unverständlich, warum Herr Krüger von einer Beseitigung des privaten Kapitaleigentums schreibt und einen Gegensatz zur AGP konstruiert.

Krüger hat mich zweitens zu einem Gegner der repräsentativen Demokratie abgestempelt. Ich wolle diese "durch eine bis zum Exzeß getriebene Basisdemokratie ersetzen". Nie habe ich eine solche Vorstellung entwickelt und in keiner meiner Arbeiten ist eine solche Ansicht je ausgesprochen worden. Im Gegenteil, seit meinen schicksalsschweren Erfahrungen in der ČSSR habe ich bereits dort als auch hier im Exil immer die Bedeutung einer repräsentativen, pluralistischen Demokratie hervorgehoben und Wege zu ihrer weiteren Vertiefung und Verbesserung gesucht.

Sowohl auf der Unternehmensebene als auch in der Gesamtwirtschaft plädiere ich ausdrücklich für ein repräsentatives System: Die Mitarbeiter einer Mitarbeitergesellschaft wählen einen Aufsichtsrat, der wiederum das Management wählt und langfristig kontrolliert. Auch in der sogenannten makroökonomischen Verteilungsplanung spielen die politischen Parteien eine tragende Rolle. Denn in größeren sozialen Systemen (wie in größeren Unternehmen oder gar in einem Staat) kann Demokratie meines Erachtens nur in repräsentativer Form praktiziert werden. Es bleibt mir unverständlich, warum Wolfgang Krüger aus mir einen Gegner einer solchen demokratischen Entwicklung machen will.

Drittens versucht Krüger, meine Modellvorstellung mit dem jugoslawischen Modell zu identifizieren und "vor diesem Weg in das Chaos" zu warnen. Ich halte das jugoslawische System für einen wesentlichen Fortschritt gegenüber dem sowjetischen System und zwar deshalb, weil der Marktmechanismus wieder eingeführt und die dirigistische Planung beseitigt wurde. Leider entstand das jugoslawische System aber nicht als Ergebnis einer genügend durchdachten Konzeption und enthält so viele wesentliche und systemimmanente Fehler, daß es nicht zum Vorbild einer neuen sozialistischen Wirtschaft werden konnte und für Menschen aus enwickelten marktwirtschaftlichen Ländern schon überhaupt nicht attraktiv wirkt.