Von Sabine Gerbaulet

Kenntnis, Erfahrung, Arbeitseinsatz attestieren ihr auch die politischen Gegner. Im Gespräch jongliert sie mit statistischen Daten, zitiert aus den Vorschriften aufs I-Tüpfelchen genau, hat alle Argumentationsketten parat. Die Berliner Schulverwaltung des Senats, Jahrzehntelang von Sozialdemokraten besetzt, hat sich rasch mit der neuen Chefin arrangiert: Köpfe sind keine gerollt, mit sichtlichem Genuß tritt sie vielmehr mit "ihren Sozen" auf Tagungen und Kongressen auf. Ihr Haus hat sie heute fest "im Griff".

Ihren Spitznamen Hanna "Granata" hat sie selbst inzwischen zum Markenzeichen umfunktioniert: Er steht für Energie und Durchsetzungsvermögen der christdemokratischen Schulsenatorin in Berlin, Dr. Hanna-Renate Laurien. Im Kreis der deutschen Kultusminister gehört sie – nach Bayerns Hans Maier – zu den Dienstältesten; rechnet man die Jahre ihrer Tätigkeit als Staatssekretärin Mainzer Kultusministerium mit ein (die ihrer dortigen Berufung zum Kultusminister vorangingen), weist sie die längste Amtsperiode im bundesdeutschen Geschäft der Bildungspolitik auf.

Ein Aufstieg war der Wechsel 1981 von Mainz nach Berlin nicht – "besoldungsmäßig eher das Gegenteil" –, was hat sie also dazu veranlaßt? "Die Faszination des Unmöglichen." Als CDU-Frau Schulpolitik in einer sozialdemokratischen Hochburg zu machen, dazu gehört Mut und Selbstvertrauen. Wobei es ihr die Opposition allerdings nicht allzu schwer machte: Sie hatte das Schulressort schon Jahre vorher an den damaligen Koalitionspartner, die FDP, abgetreten. Ein neues, klares Profil in der Schulpolitik ist bei der Berliner SPD bis heute nicht zu erkennen. Zweifellos eine Schwäche der Partei – zugleich aber auch Ergebnis des geschickten "Einfädeins" der Hanna-Renate Laurien in die Berliner Schulszene.

Sie, die jahrelang in Rheinland-Pfalz und auf Bundesebene mit aller Kraft gegen den Abbau des dreigliedrigen Schulsystems, gegen obligatorische Förderstufe und Gesamtschulen gekämpft hatte, verkündete in Berlin sofort die Beibehaltung des Status quo. An der sechsjährigen Grundschule sollte ebensowenig gerüttelt werden wie an der Koexistenz von Gesamtschulen und "alten" Schulformen in Mittel- und Oberstufe. Ein Schritt, der viele ihrer Parteifreunde in der Stadt enttäuschte und verbitterte; der die CDU aber vor einem langen, zermürbenden und wahrscheinlich nicht zu gewinnenden Kampf gegen die zur Tradition und Gewohnheit gewordenen Verhältnisse bewahrte.

Ob Taktik oder Augenmaß – die Entschiedenheit, mit der Hanna-Renate Laurien seither "Systemfragen" als eher nebensächlich abtut gegenüber der inhaltlichen Arbeit an einer "guten" Schule, verblüfft auch ihre Gegner. War die große Auseinandersetzung der 70er Jahre um ein Horizontal gegliedertes Schulwesen also ein überflüssiges Schattenboxen? Sie widerspricht vehement; räumt im nächsten Atemzug aber ein, daß es "natürlich" in Berlin ebenso gute Gesamtschulen wie gute Gymnasien gebe – neben ebenso schlechten Gesamtschulen wie schlechten Gymnasien. Selbst die gemeinsame sechsjährige Grundschule, die weit über die heiß umstrittene hessische Förderstufe hinausgeht, akzeptiert sie nun als pädagogisch vertretbaren Rahmen für die sechs- bis zwölfjährigen Kinder.

Sicher: Schulpolitik in den 80er Jahren wird von anderen "Sachzwängen" bestimmt als das vergangene von Schölerberg und Lehrermangel, von Expansion und Schulreform geprägte Jahrzehnte Die Vorzeichen haben sich verkehrt:Drastisch sinkende Schülerzahlen und das Heer der arbeitslosen Lehrer bestimmen das Tagesgeschäft. Müssen Schulen geschlossen werden? Kann der Kultusminister den rechnerischen Überhang an Lehrerstellen wenigstens zum Teil für pädagogische Verbesserungen an den Schulen (gegen den Zugriff seiner Ressortkollegen) verteidigen?