Über Archaisches zu schreiben, ist heikel. Blutiges spielt sich da oft ab, und die Menschen sind noch im Stand der Unschuld. Darüber zu berichten, ist nicht selten mit dem Hautgout eines versteckten Sadismus behaftet. Zumindest mit dem eines Voyeurs. Wer da heute von blutigen Jagdtrophäen erzählt, ohne dramaturgische Notwendigkeit, könnte vielleicht eine heimliche, illegitime Freude dran haben. Illegitim, weil sich niemand in unserer monströsen Welt wieder in den Zustand der Unschuld zurückversetzen kann.

Meinen Verdacht (entstanden aus der Schilderung einer bluterfüllten Heimkehr nach erfolgreicher Jagd) konnte ich rasch wieder fallen lassen.

Die Geschichte des taubstummen Jungen, der von der Dorfgemeinschaft einer kleinen Südseeinsel als Unglücksträger gefürchtet und gehaßt wird, ist ein Stück hervorragender Prosa.

Schon der Versuch, den Inhalt der Geschichte anzudeuten, ist schwierig: Südseezauber, Aberglaube, Mystik, geheimnisvolle Freundschaft zwischen Tier und Mensch. Dazu unerschütterliche Mutterliebe zu einem Kind, das nicht das leibliche ist. Unverständnis der Dorfbewohner, Weisheit und Einsicht des großen Häuptlings. Die Fakten schmecken nach Kitsch – einer Mischung aus Kipling und Karl May. Um so erstaunlicher die Geschichte. Frei von Süßlichem, weit ab von Kolportage oder Sensationsstory. Ein klarer, eindringlicher Erzählstil, starke Gefühle, aber keine Emotiönchen, ruhige kenntnisreiche Schilderung einer Menschengemeinschaft, deren Erkenntnisfähigkeit begrenzt ist von ihrer kleinen abgeschlossenen Inselwelt, gefährdet allein durch Naturgewalt und überschaubare Machtkämpfe, die den Schwachen gefährden.

Wieder einmal zeigt sich: Es gibt keinen kitschigen Plot, es gibt nur schlecht erzählte Geschichten. Die von Jonasi, dem Lautlosen, ist eine wundersame. Sie bewegt dem Lesenden das Herz. Daß dieses Buch vor vier Jahren den Jugendliteraturireis Neuseelands bekommen hat, spricht für die Jury. Gert Haucke

Joy Cowley: "Jonasi und die weiße Schildkröte", aus dem Englischen von Hans Georg Noack; Arena Verlag, München; 152 S., 16,80 DM