Besser hätte der Start ins neue Börsenjahr nicht sein können. Gleich reihenweise leuchteten an den Kurstafeln in den Börsensälen die Pluszeichen auf und signalisierten damit außerordentliche Kursgewinne. Selbst Standardwerte mit hohen Umsätzen konnten an den ersten Arbeitstagen mit Gewinnen in zweistelliger Höhe aufwarten. Das Interesse an deutschen Aktien ist offenkundig ungebrochen, auch wenn manche Papiere jetzt einhundert oder gar zweihundert Prozent teurer sind als vor Jahresfrist. Was auch immer die Ursachen für den beispiellosen Aufschwung am deutschen Aktienmarkt sein mögen, für Analytiker gibt es handfeste Argumente, die aus "technischer Sicht" auch jetzt noch für deutsche Aktien sprechen.

Von großer Bedeutung für die vergleichende Aktienanalyse ist das Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV), das in der Tabelle in der letzten Spalte wiedergegeben ist. Mit dieser Zahl wird ausgedrückt, wie viele Jahresgewinne notwendig sind, um den aktuellen Kurs einer Aktie zu "verdienen". Ein Blick in die Spalte zeigt nun, daß diese Kennzahl eine beträchtliche Schwankungsbreite besitzt. So werden an der Börse beispielsweise die Volkswagen-Aktien mit dem 5,5fachen Jahresgewinn und die Papiere des Textilunternehmens Girmes mit dem 80fachen Jahresgewinn bewertet. Girmes-Aktien sind also fast 15mal so teuer wie VW-Aktien. Je niedriger das KGV ist, um so preiswerter ist eine Aktie im Vergleich zu anderen.

So gesehen, besitzen insbesondere die Chemie-Titel wie Bayer, BASF oder Hoechst mit ihren relativ niedrigen KGV noch erhebliches Kurspotential, aber eben auch die Auto-Werte wie VW oder BMW. Sogar Porsche wird mit einem KGV von rund acht noch wesentlich niedriger bewertet als die meisten deutschen Aktien. Noch gibt es also Papiere, an denen sich die Kursphantasie der Anleger entzünden kann.

Schlechter sieht es mittlerweile allerdings für Anleger aus, die in erster Linie an einer ordentlichen Dividendenrendite interessiert sind. Mit den Kurssteigerungen des vergangenen Jahres haben die Dividenden nämlich nicht Schritt halten können, auch wenn in sehr vielen Fällen für 1985 mehr gezahlt werden wird als für 1984. Halbwegs akzeptable Dividendenrenditen weisen von den hier erfaßten Werten eigentlich nur noch die Papiere der Energieversorger HEW, VEW oder RWE auf, die einschließlich Steuergutschrift mit ihren Ultimokursen immerhin noch mit über sechs Prozent rentierten.

Ein eigentlich überraschendes Ergebnis bringt ein Vergleich der aktuellen Kurse mit den Höchstkursen seit 1960, wie sie in der Tabelle ausgewiesen werden. Trotz vierjähriger Hausse sind immerhin noch zwanzig von 53 hier aufgeführten Titeln zum Teil recht deutlich von ihren "historischen Gipfeln" entfernt. Bernhard Blohm