Von Klaus Otto Nass

Als ich vor vier Jahren zum erstenmal Entwicklungsprojekte planen und durchführen sollte, war ich noch nie in einem Entwicklungsland gewesen und hatte von der Problematik der Entwicklungspolitik keine genaueren Vorstellungen als jeder andere interessierte Staatsbürger. Den Sudan, mit dem Niedersachsen eine Partnerschaft begründen wollte, kannte ich schon gar nicht und ahnte daher auch nicht, welche Art Hilfe dort gebraucht würde. Ich wußte nur, was Niedersachsen bieten konnte: viel Fachwissen auf allen Gebieten – und nur geringe Haushaltsmittel. Die Finanzierung von Großprojekten kam so nicht in Betracht; statt Kapital würde in erster Linie Know-how zu exportieren sein.

So ging ich notgedrungen als Lernender in den Sudan. Ich versuchte mit möglichst vielen Menschen – offiziellen Vertretern der Regierung und lokalen Würdenträgern, Menschen auf der Straße und in der Wüste – ins Gespräch zu kommen und dabei das Land zu bereisen, das zu den ärmsten der Erde zählt und eine der höchsten Pro-Kopf-Verschuldungen der Welt hat. Land und Leute schlugen mich in ihren Bann: Ich begegnete einer alten Kultur, von der im sudanesischen Niltal 3000 Jahre alte Pyramiden zeugen; im ganzen Land äußert sich diese Tradition in menschlichen Umgangsformen, die ein eurozentrisches Gefühl zivilisatorischer Überlegenheit schnell auf das rechte Maß relativieren.

Natürlich sah ich die mangelhaften hygienischen Verhältnisse, die einseitige Ernährung und die absolute Armut, die immer herrscht, selbst wenn es geregnet hat. Aber statt die Menschen über ihr Elend jammern zu hören, traf ich auf Heiterkeit und Lebensmut, begegnete ich Menschen, die selbst in existenzbedrohender Not ihre Würde wahrten, die einander in Großfamilie und Dorfgemeinschaft halfen – Menschen voller Gottvertrauen.

Erst später merkte ich, daß mein Mangel an Erfahrung ein großer Vorteil war: Ich war gezwungen zu fragen und zuzuhören, mich umzusehen, was klappte und was nicht, und so die eigenen Ressourcen des Landes und den dringendsten Bedarf seiner Bevölkerung ausfindig zu machen. Da Niedersachsen am Anfang seiner entwicklungspolitischen Arbeit im Sudan stand, also keine früheren Hilfszusagen zu erfüllen und keine laufenden Vorhaben abzuwickeln hatte, konnten alle neuen Erkenntnisse von vornherein in die Gestaltung der Projekte einfließen. Inzwischen hat das Land dort etwa hundert kleine Vorhaben durchgeführt, begonnen oder geplant.

Ein weiterer glücklicher Umstand für die junge Zusammenarbeit war, daß sie in einer Phase sich wandelnden entwicklungspolitischen Denkens in der westlichen Welt aufgenommen wurde. Anders als in den sechziger und auch noch in den siebziger Jahren glaubte kaum jemand mehr, daß die ärmsten Länder dieser Erde durch Industrialisierung und zügige Integration in die Weltwirtschaft zu einem Wachstumsprozeß geführt werden könnten. „Technologietransfer“, so weiß man heute, wird nur wirksam mit Hilfe der Menschen in den Entwicklungsländern.

Wenn man sie motivieren will, damit sie neue Methoden übernehmen, rührt das oft an überkommene Werte und damit an die kulturelle Identität. Anstatt das Schwergewicht auf die industrielle Produktion zu legen, für deren Aufnahme die Devisen fehlen, sollten die Anstrengungen deshalb auf die Befriedigung von Grundbedürfnissen der absolut Armen (sauberes Trinkwasser, Nahrung, Gesundheit, Kleidung, Wohnung, Bildung) verlagert sondem auch die ökologischen Auswirkungen von Projekten (etwa des mechanisierten Ackerbaus in dem anfälligen Ökosystem der Sahelzone) sollten bedacht, der Entwicklung der ländlichen Räume, in denen immer noch bis zu 85 Prozent der afrikanischen Bevölkerung leben, endlich stärkere Beachtung geschenkt und so der bedrohlich fortschreitenden Urbanisierung entgegengewirkt werden.

Das ist leichter gedacht als getan. Die Förderung der ländlichen Räume läßt sich nicht durch Entwicklungsprojekte allein durchsetzen, wenn die Regierungen der Empfängerstaaten sich diese Priorität nicht selbst zu eigen machen. Es genügt ja nicht, daß afrikanische Regierungen es dulden, wenn europäische Berater ihre Kleinbauern über die hygienischen Vorteile sauberen Trinkwassers aus Flachbrunnen mit Handpumpen belehren und sie über ökonomische und ökologische Vorteile von Fruchtfolge, Agroforst und Mischkulturen (die übrigens alter afrikanischer Tradition entsprechen) aufklären. Die Regierungen selbst dürfen dann auch keine Politik betreiben, die auf das genaue Gegenteil gerichtet ist, nämlich darauf, die landwirtschaftlichen Erzeugerpreise im Interesse der städtischen Verbraucher niedrig zu halten, womit den Kleinbauern der Anreiz zu einer Produktion über den eigenen Bedarf hinaus genommen wird.

Außerdem gibt es Umstände, die es in der entwicklungspolitischen Praxis erschweren, Konsequenzen aus der Einsicht zu ziehen, daß in den Entwicklungsländern – anders als in Industrienationen – das Kapital teuer und die Arbeit vergleichsweise billig ist. Erst nach Jahren wurde mir klar, daß zum Beispiel die Lehrpläne der Schulen aus der Kolonialzeit hauptsächlich auf spätere Schreibtischtätigkeit – früher in der Kolonialverwaltung – vorbereiten und damit die körperliche Arbeit herabsetzen.

Wer Entwicklungsprojekte macht, muß demnach mit den Regierungen der Entwicklungsländer auch eine Diskussion über die Entwicklungsländer gen führen. Ein solcher „Politikdialog“ sollte sicherlich nicht mit den schulischen Lehrplänen, aber doch mit den staatlich festgesetzten Getreidepreisen beginnen. Er sollte zum Beispiel auch, bevor aus Geldern der Entwicklungshilfe eine Straße gebaut wird, die zulässige Achslast für Lastwagen klären. Denn über die afrikanischen Straßen fahren Schwerlastwagen, die wegen ihres Gewichts auf deutschen Autobahnen verboten sind und selbst neue Verkehrswege binnen kurzem ruinieren. Und schließlich dürften auch die weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen (Rohstoffpreise, Protektionismus und Agrarpolitik der Europäischen Gemeinschaft) nicht ausgeklammert bleiben.

Die Regierungen der Industrieländer sind zu solchem Dialog freilich nur legitimiert, soweit sie sich ihren neuen Einsichten entsprechend verhalten: Sie dürfen also den ärmsten Ländern nicht ein digitales Telephonsystem anbieten, wenn die Empfänger solche gigantomanischen Projektvorschlage in Wirklichkeit ablehnen. Sie dürfen die Politik niedriger Lebensmittelpreise nicht untere stützen, indem sie permanent kostenlose Nahrungsmittel liefern und damit die Preise auf den afrikanischen Märkten automatisch unter die heimischen Produktions- und Vermarktungskosten drücken.

Erforderlich war und ist auch eine Verständigung der verschiedenen Geber untereinander, um den in der Theorie als richtig erkannten Wandel entwicklungspolitischer Prioritäten in die Praxis umzusetzen. Denn natürlich fällt es einer Regierung schwer, die Lieferung der eigenen Digitaltechnik nicht zu finanzieren, wenn der Konkurrent im europäischen Nachbarland der Unterstützung seiner Regierung sicher sein kann. Eine arbeitsintensive Feldbestellung in Mischkulturen, die das eine „Geber“land in einem Tropendorf fördert, wird unglaubwürdig, wenn ein anderer „Geber“ im Nachbardorf die Wälder roden und die neu gewonnenen Flächen mit Traktoren beackern läßt – was den Landwirten die Illusion vermittelt, moderne Technik und importierte Fremdenergie könnten nicht nur zu einem leichteren Leben, sondern auch auf Dauer zu höheren Erträgen führen.

Ein Umdenken in Nord und Süd ist also nötig. Es verlangt von beiden Seiten, die eigenen vordergründigen Interessen hintanzustellen: Die Industrieländer müssen ihr Interesse am Export moderner Technologie zur Sicherung von Arbeitsplätzen zurücknehmen; die Entwicklungsländer müssen von ihrer einseitigen Bevorzugung der städtischen Bevölkerung abkommen, von deren Wohlwollen die Stabilität der Zentralregierung nach wie vor in erster Linie abhängt.

Solche Abkehr von einer verengten Sicht wird für den Süden durch die Erkenntnis erleichtert, daß ihn die bisherige Vernachlässigung der ländlichen Räume in eine immer stärkere Abhängigkeit vom Ausland gebracht hat. Sie führte zu Überschuldung und massiven Nahrungsmittelimporten in Länder, die sich früher selbst ernähren konnten.

Die Regierungen der Industrieländer aber haben zu ihrer Warnung inzwischen genügend abschreckende Beispiele industrieller Investitionsruinen vor Augen – Sinnbilder verlorenen außenpolitischen Vertrauens. Wer den Politikdialog zwischen Nord und Süd wirklich will, darf nicht davor zurückschrecken, sich bei Unvereinbarkeit der entwicklungspolitischen Prioritäten der Partner auch aus Projekten zurückzuziehen, die unter den gegebenen Umständen zum Scheitern verurteilt sind.

Projekte, die der Befriedigung der Grundbedürfnisse dienen, müssen nicht immer klein sein. Ein sinnvolles Großprojekt wäre zum Beispiel, die sudanesische Eisenbahn wieder funktionstüchtig zu machen, vorausgesetzt freilich, daß darunter nicht lediglich die Lieferung neuer Lokomotiven und Waggons, sondern auch die Reparatur von Gleisanlagen und Maschinenparks sowie eine Beratung des Managements verstanden würde.

Dieses Großprojekt basiert auf vorhandenen Ressourcen. Folgende Projektbeispiele leisten etwas Ähnliches im kleinen: Eine gut funktionierende einheimische Hebammenschule im Sahel bekommt Standardausrüstungen, damit die jungen Hebammen nach einjährigem Kursus nicht mit leeren Händen, sondern mit einem Koffer voller Instrumente in ihre Dörfer zurückkehren. Eine dörfliche Fraueninitiative wird mit einem Webstuhl unterstützt. Ländliche Handwerksschulen für junge Menschen ohne Schulabschluß werden mit Werkzeugen ausgestattet, die in der jeweiligen Region gebraucht werden und die die Lehrer selbst mit ausgesucht haben. Die Dorfbevölkerung wird motiviert, Ufer von Flußbetten (Wadis), in denen nur wenige Tage im Jahr reißende Ströme fließen und die sonst trockenliegen, durch Anpflanzung von Bäumen zu befestigen, so daß weniger fruchtbarer Boden fortgespült wird.

Vor allem aber muß man in einzelnen Dörfern versuchen, die Produktions- und Lebensbedingungen der Landwirte und der Kleingewerbetreibenden zu verbessern. Man muß zum Beispiel die medizinische Betreuung und die Schulsituation erleichtern, so daß Arzt und Lehrer, Handwerker und Bauernsöhne einen Anreiz haben, auch fern allen städtischen Komforts zu leben.

Gerade dieses Beispiel zeigt: Ohne Beteiligung der betroffenen Bevölkerung geht es nicht. Sie ist nicht im Hauruckverfahren, sondern nur durch die Überzeugungskraft europäischer oder (besser noch) einheimischer Experten zu gewinnen. Sie müssen mit Respekt vor den alten Werten, die das Verhalten der Menschen bestimmen, behutsam den Weg zu neuen Methoden ebnen.

Wer in der Entwicklungshilfe kurzfristige und quantifizierbare Erfolge erwartet, wird meist enttäuscht werden, ja schafft Enttäuschung. Wer Kleinbauern – und das ist die Masse der Bevölkerung in der Dritten Welt – ein besseres Leben ermöglichen will, braucht einen langen Atem, muß viele Gespräche führen und vor allem die soziokulturellen Gegebenheiten und die traditionellen Wirtschaftsmethoden achten und beachten. Die fachliche und menschliche Qualifikation der Entwicklungshelfer ist wichtiger als die Höhe der eingesetzten Geldmittel.

Der Verzicht auf kurzfristig spürbare Erfolge bedingt die Abkehr von der allein quantitativen Beurteilung der Entwicklungserfolge. Qualitative Kriterien müssen einbezogen werden. Betriebswirtschaftliche Kosten-Nutzen-Analysen und am Wachstum des Bruttosozialprodukts orientierte gesamtwirtschaftliche Berechnungen sind meist unbrauchbare Erfolgsmesser einer entwicklungspolitischen Zusammenarbeit, die bestrebt ist, die bisherige Subventionierung der Stadtbevölkerung durch die Landbewohner abzubauen und die eigenen Ressourcen gleichermaßen zu mobilisieren und zu schonen.

Manche derer, die heute entwicklungspolitische Zusammenarbeit ablehnen, bejahen Hilfe für die Opfer von Katastrophen wie der Saheldürre. Sie fordern aber, daß die Helfer das Land wieder verlassen, sobald der nächste Regen gefallen ist. Doch nicht allein, daß der Regen ausblieb, führte 1984 zur Katastrophe im Sahel, sondern auch die Tatsache, daß die Natur von Mensch und Tier überbeansprucht war. Nur Menschen könnten diesen Prozeß der Verwüstung stoppen. Sollen die Helfer diejenigen heute allein lassen, die sie bis gestern versorgt haben, oder sollen sie nicht vielmehr dazu beitragen, daß die Lagerbewohner wieder zu Brot und Arbeit kommen?

Andere kritisieren, daß Finanzmittel für Entwicklungshilfe den „Eliten“ zugute kämen, die auf Kosten der Armen ihres Landes lebten. Das kann zwar, muß aber nicht so sein, und sollte durch die Gestaltung der Projekte möglichst ausgeschlossen werden. Die Finanzierung von Projekten in ländlichen Räumen birgt solche Gefahren in geringerem Maße als die Zahlung von Budgetzuschüssen oder die regelmäßige Lieferung von Nahrungsmitteln, Erdölprodukten und anderer Waren an die Regierung des Entwicklungslandes.

Richtig ist, daß örtliche Würdenträger oder lokal einflußreiche Geschäftsleute sich die Vorteile eines Projekts zunutze machen können, etwa indem sie eine Gebühr von den Benutzern eines Flachbrunnens mit Handpumpe erheben, der eigentlich allen Dorfbewohnern zugute kommen sollte. Die Scheichs und Chefs, Häuptlinge und Dorfältesten sind aber eine Gegebenheit, sie sollten deshalb rechtzeitig in das Projekt einbezogen werden. Wenn sie mitverantwortlich für das Gelingen des gemeinsamen Vorhabens sind, ist es schwerer, dessen Vorteile der breiten Bevölkerung vorzuenthalten.

Schließlich gibt es noch ein Problem: die Eigengesetzlichkeit von Bürokratien in den Geberländern. Für die Rechnungshöfe sind qualitative Erfolgskriterien bei der sogenannten „Evaluierung“ und bei der Kontrolle schwer zu erfassen. Langfristige Projekte binden die Finanzmittel kommender Jahre und beschwören die Gefahr herauf, daß der Entwicklungshilfe jegliche Flexibilität verlorengeht. Die angestrebte Reduzierung des Einflusses nationaler Eliten auf das Projekt Kollidiert mit dem Zwang, von Regierung zu Regierung zu verhandeln. Viele kleine Projekte machen den Bürokratien mehr Arbeit als ein Großprojekt mit gleichem Finanzvolumen und überfordern möglicherweise die administrative Leistungskraft der Geber. Wer deshalb eine neue Politik, wie sie seit Jahren gefordert wird, wirklich will, muß organisatorische Konsequenzen ziehen. Das heißt unter anderem, verstärkt private Organisationen einzuschalten, was schon geschieht.

So bewegt sich die Entwicklungshilfe wie alle Politik auf dem schmalen Grat zwischen Erfolg und Mißerfolg, zwischen Respekt vor dem Überkommenen und der Motivation für das Neue. Doch wenn es schwer ist zu helfen, so ist das noch kein Grund, Hilfe zu versagen. Nicht mit großen Sprüngen, nur in kleinen Schritten und in gegenseitigem Vertrauen können sich Nord und Süd der Lösung ihrer Probleme nähern.