Erst Maulwurf kennt Erbarmen und heißt Fiedelgrille in der ofenwarmen Kellerwohnung willkommen. „Ich bin ein wenig kurzsichtig auf den Augen, weil ich blind bin“, murmelt er entschuldigend und krabbelt tapsig unterm Tisch, winkt Fiedelgrille mit den nackten Schaufelhändchen zu sich, und sie darf bleiben.

Es wird ein molliger Winter im gemütlichen Chaos seiner Behausung, die Janosch mit Gags dekoriert: An der Wäscheleine trocknen nicht nur Strumpf und Hose, sondern auch seine Brille. Und der Salzstreuer überm Eßtisch baumelt an einem Strick. Hin und wieder ziert ein turtelndes Vogelpärchen den oberen Bildrand von Maulwurfs Gehäuse. Selbst diese verschlissene Allegorie für idyllische Zweisamkeit mag man Janosch nicht verübeln. Sein Geschick, Stimmungen, Gefühle, Heiterkeit und Behagen in Bilder zu setzen, ist meisterhaft. Er schafft es ohne kunstreich gezeichnete Objekte oder suggestive Farblichkeit. Die würden nur ablenken von seinem Patentrezept: vordergründige Gestik mit Hintersinn im kindlichen Krakelstil dargeboten.

Nach eben diesem Erfolgsrezept illustriert er auch den Herrn Korbes.

„Herr Korbes muß ein recht böser Mann gewesen sein.“ So endet das Märchen bei den Gebrüdern Grimm. Nach Janoschs Interpretation weiß man endlich, warum. Denn, so der Titel –

Janosch „Herr Korbes will Klein Hühnchen küssen“; Diogenes Verlag, Zürich; 32 S., 18,80 DM.

Bei einem Tanzvergnügen haben sie sich kennengelernt, und Herr Korbes ist Hühnchen nähergekommen. Täppisch und klumpfüßig, sein haarloser Kopf ist ganz Nase, umschlingt er mit gierigen Pranken den zierlichen Hühnerpo. Dirty old man wittert frisches Hühnchen: „Ach, kommen Sie mich doch morgen besuchen, bei mir gibt es Kuchen Wenn er zu Hause in ernsthafter Versunkenheit Kuchen für Kuchen aus dem dampfenden Ofen hervorholt, bekommt die Figur trotz der gierigen Berechnung etwas nahezu Rührendes.

Klein Hühnchen beschwatzt den pompösen Gockel, der mit seinen prachtvollen Schwanzfedern kokettiert und nichts lieber als Kuchen ißt, Korbes zu besuchen. Unterwegs schließt sich den beiden noch eine Katze an, und dann ein Hündchen, ein Autoreifen, der Elefant Seifried mit einem verbeulten Kochkessel als Hut, ein Stiefel und eine Mistgabel. Eine seltsame und naschhafte Kompanie, die auch durch ein unfreiwilliges Bad im Flüßchen nicht aufzuhalten ist.