Die größte Überraschung bei den zweiten Direktwahlen zum Europäischen Parlament war der triumphale Einzug der rechtsradikalen französischen Front National mit elf Stimmenprozenten. Damit ist die Euro-Rechte mit sechzehn Sitzen erstmals im Parlament vertreten. Zehn Abgeordnete stellt die Front National unter ihrem Führer Jean-Marie Le Pen, fünf die neofaschistische italienische MSI und einen die griechische EREN-Partei.
Richten wir den Blick in einzelne europäische Länder, so ist die jeweilige nationale parlamentarische Bilanz höchst unterschiedlich: In Italien pendelt die MSI seit vier Jahrzehnten zwischen fünf und zehn Prozent und hat sich somit zu einem stabilen Faktor ialienischer Politik herausgebildet. In Frankreich hat Le Pens Front National ihren Erfolg bei den Europawahlen unterstreichen können. 8,7 Prozent erreichte sie bei den Kantonalwahlen am 10. März dieses Jahres. In Großbritannien verhindert vor allem das Mehrheitswahlrecht, aber auch die Integrationskraft des rechten Flügels der Tones einen parlamentarischen Erfolg der Nationalen Front, die sich jetzt nach Jahren interner Auseinandersetzungen unter ihrem neuen Vorsitzenden Ian Anderson konsolidiert hat. In der Bundesrepublik schließlich verlor die NPD bereits 1971 ihre letzten Landtagsmandate. Ihre 11,5 Prozent in der 8000-Einwohner-Gemeinde Wölfersheim bei den hessischen Kommunalwahlen am 10. März sind eine folkloristische Episode – wenngleich auch bedrückendes Zeichen vordemokratischer Zustände.