Selig ist, der da liest und die da hören die Worte der Weissagung und behalten, was darin geschrieben ist, denn die Zeit ist nahe" (Offenbarung 1,3). Unter einem gotisch gewölbten Thronhimmel sitzt der mittelalterliche Patriarch, studiert die Apokalypse und blickt sinnend vor sich hin, schaut die Ereignisse in naher Zukunft. Schaut mit den Augen des Johannes auf Szenen wundersamer Erscheinungen, Szenen großer Verwüstung, unmeßbaren Grauens, gnadenvoller Vision.

In jedem Bild des einstmals fast einhundertdreißig Meter langen und fünfeinhalb Meter hohen Teppichs von Angers erstaunt, leidet, erschrickt Johannes. Jedes Wort des dunklen Textes wird auf diesem wunderbar gewirkten Wandbehang drastische, fast fühlbare Wirklichkeit.

Der skrupellose, geld- und goldgierige Ludwig I. von Anjou hatte mitten im hundertjährigen Krieg diesen Teppich in Auftrag gegeben. Hennequin von Brügge, ein Miniaturmaler, zeichnete die Kartons für die Teppichwirker. Der Kaufmann, Bankier und Großbürger Nicolas Bataille wickelte im letzten Viertel des 14. Jahrhunderts die Herstellung dieses immensen Kunstwerks ab. So groß ist dieser Teppich, daß er damals in keinen noch so weiten Schloßraum paßte. Wozu diente er?

Die Beantwortung dieser Frage und die Geschichte seiner kläglichen Wiederentdeckung als Fußabtreter und Dreckdecke im Pferdestall, eine These über die Apokalypsetradition, in der die Tapisserie entstand, einen Bericht über seine wiederholte sorgfältige Restaurierung und einen ausführlichen, Szene für Szene erläuterten Bildteil – das alles enthält eine neue Monographie des Teppichs von Angers. "Es gibt keinen Menschen, der den Wert, die Schönheit, den Adel dieser Gewebe niederschreiben oder von ihnen erzählen kann...", schrieb der Arleser Bürger Bertrand Boysset, nachdem er im Jahr 1400 den Wandbehang gesehen hatte.

Sehr viel von der Faszination dieser Apokalypse läßt sich beim Durchblättern und Lesen dieses schönen Bildbandes nachspüren. ("Die Apokalypse von Angers. Ein Meisterwerk mittelalterlicher Teppichwirkerei"; Hirmer Verlag, München, 1985; 196 S., Abb., 188,– DM.)

Elke von Radziewsky