Ein nächtlicher Streifzug durch Tunnelröhren und Gänge der Frankfurter U-Bahn

Von Esther Knorr-Anders

Nennen wir ihn Wolfgang. Wie verabredet, steht er beim Prellbock am Gleis 5. Zu übersehen ist er nicht. Erstens hat er "Gardemaß"; zweitens steckt er in einer Lederjacke, um die ihn ein Mafiaboß beneiden würde; drittens sieht er, vom fahlen Licht der Gleisbeleuchtung umgeistert, einem Gangsterchef nicht gänzlich unähnlich. In dieser Nacht wird er mein Begleiter durch verschiedene Untergrundbahnstationen Frankfurts sein. Es ist 22 Uhr. Ein Freitag, Zahltag. Im Milieujargon sogenannter "Payday".

Etwa 1,2 Millionen Reisende passieren täglich den Frankfurter Hauptbahnhof. Davon sind rund 300 000 Benutzer des Untergrundbahn-Systems. Um diese Stunde ist die Halle von Fernreisenden bereits ziemlich geleert. Auch der Berufsverkehr ist längst vorüber. Die Hauptdarsteller der heraufziehenden Nacht rücken ins Blickfeld. Betrunkene grölen vor den Imbißstuben und Wurstständen. Bettler spüren instinktiv jene auf, die das Portemonnaie zücken werden; Dealer peilen ihre Opfer an. Dirnen schlendern griesgrämig herum. Punks üben sich in verbaler Kraftmeierei. Stadtstreicher schlurfen durch die Halle. Im Plastikbeutel stecken die Flaschen, Ration für die Nacht. Fehlt nur noch der Platz, wo man süffeln und pennen kann.

Das U-Bahnnetz der Mainmetropole hat eine Länge von 40 Kilometern. In jeder der unterirdischen Stationen gibt es Bänke, die sich zum Umtrunk, auch als Schlafstelle eignen. Vor allem gibt es – für den Austausch bestimmten Handelsobjekte – unübersichtliche Winkel, stille Ecken. An sich böten die höhlenähnlichen Stationen und Tunnelschächte jeglichem Gelichter windgeschütztes, gewissermaßen verkenrsberuhigtes Nachtasyl. Wenn nur die Bahnpolizei nicht wäre. Aus dem Gesichtspunkt von Pennern, Zuhältern, Fixern, Langfingern macht einzig und allein der Sicherheitsdienst die Unterwelt erst friedlos.

Da der Mensch kein Maulwurf ist, sind seinem innersten Wesen unterirdische Gängesysteme verdächtig. Bereits auf der Rolltreppe, beim Hinabgleiten zu den Tiefstationen, fühlt er sich unbehaglich. Das Unbehagen wächst, sobald er in dem trüb-gelblichen Licht den Bahnsteig entlangwandert. Er starrt auf den schwarzen Schotter. Der glänzt. Das Gleis glänzt ebenfalls. Die Tunnelröhre zieht den Blick an. Das stockdunkle Ding ist nicht geeignet, die Freudlosigkeit zu mildern. Eher ruft die Röhre auf heimtückische Weise dem Wartenden ins Bewußtsein, daß er sich drei Stockwerke tief unter der Erdoberfläche befindet. Bekommt man hier eigentlich ausreichend Luft? Der Geruch ist sonderbar. Könnten es irgendwelche Abgase sein? Plötzlich wird der Wartende angesprochen. Ob er Geld wechseln könne? Warum wird gerade er gefragt? Etwa weil er alleine steht, vielleicht hilflos wirkt? Die zwei, die ihn ansprachen, sehen nicht vertrauenerweckend aus. Der Wartende drückt die Tasche fest an den Körper. Verläßt seinen Standort. Er glaubt, die Blicke der Lümmel im Rücken zu spüren.

"Die Grundangst ist die dem menschlichen Leben und Erleben eingeborene Warn- und Ordnungsinstanz. Sie ist notwendig, weil menschliches Dasein grundsätzlich gefährdet ist", heißt es in der "Konfliktpsychologie" von Heinz-Rolf Lückert. Der Grundangst vor dem "Fremden und Unbekannten" bedrückende Tunnelsystem – folgt auf dem Fuße "die Furcht vor dem gewalttätigen Menschen", vor dem Verbrechertum schlechthin.