Beim Streit zwischen Nord- und Südkorea um die Olympiade 1988 in Seoul ist ein Kompromiß in Sicht: Grenzüberschreitende Wettkämpfe sollen den olympischen Frieden sichern.

Ein gigantisches "Olympia-Tor", nach dem Entwurf des Architekten doppelt so hoch wie der Triumphbogen in Paris, sechsmal größer als das Tor am Platz des Himmlischen Friedens in Peking, wird zum Symbol werden. Die Olympischen Sommerspiele 1988 in Seoul sollen aller Welt die Eigenschaften vor Augen führen, mit denen das ehrgeizige Südkorea den Sprung in die industrielle Zukunft meistern will: Optimismus, Leistungsstärke, Willenskraft.

Mehr als jede Olympiastadt zuvor hat Seoul alle Energien auf die Vorbereitung der Spiele konzentriert, um als würdiger Gastgeber des Sportspektakels den erhofften Prestigegewinn in die Scheuer fahren zu können. Doch seit das Internationale Olympische Komitee (IOC) 1981 die Sommerspiele 1988 an die Südkoreanische Hauptstadt vergab, war politischer Ärger mit Nordkorea anzusehen. Pjöngjang sucht seither die geplante Leistungsschau des Südens zu hintertreiben.

Boykottdrohungen stießen bei den kommunistischen Verbündeten des Nordens, die im Gefolge der Sowjetunion den Spielen in Los Angeles 1984 ferngeblieben waren, indes nur auf geringen Widerhall. China sagte frühzeitig seine Teilnahme in Seoul ausdrücklich zu. Nordkorea besann sich daraufhin auf einen listigen Vorschlag: Wie wäre es, wenn Nord und Süd die Spiele gemeinsam ausrichteten? Eine "gute Idee", sekundierte der stellvertretende sowjetische Außenminister Michail Kapitza. Gern werde sein Land an Olympischen Spielen "in Seoul und Pjöngjang" teilnehmen.

Der Süden jedoch möchte sich nicht um die Früchte seiner Anstrengungen bringen lassen und verwahrt sich gegen die "unsinnige Forderung" nach einer gemeinsamen Ausrichtung der Spiele. Als Geste des guten Willens ist Seoul allenfalls bereit, Vorrundenspiele der Handball-, Volleyball- und Fußballturniere an den Norden abzutreten. Vorstellbar sei auch ein Radrennen von Nord nach Süd.

Das Fingerhakeln um Sport und Politik eröffnet eine vierte Ebene im zunehmend dichteren Dialog zwischen den beiden koreanischen Staaten. Für die Menschen auf der geteilten Halbinsel bleibt die Grenze allerdings undurchdringlich.

Matthias Naß