Mit einem Glas Whisky und einer Zigarre in der Hand unterhielt sich der Schriftsteller Heiner Müller in einer Düsseldorfer Galerie mit dem Dramaturgen Horst Laube. Aus diesen Bildern leuchte das Ostlicht, sagt Müller. Sie versuchten, die Galeriebesucner zum Verschwinden zu bringen. Die Gäste der Vernissage scharten sich inzwischen um die Redner. Bei Denise Renée und Hans Mayer wurde eine Ausstellung eröffnet. "Raum-Szenen/Szenen-Raum Bilder über Theater. Der Bühnenbildner Erich Wonder zeigte Arbeiten aus den letzten sieben Jahren: ein Theaterereignis in einer Galerie. Noch mitten im Gespräch mit Laube holte sich Müller einen neuen Whisky. Schließlich war es auch ein merkwürdiger Abend. Man traf sich an einem fremden Ort, wo das Licht nicht ausgeht und kein Vorhang sich öffnet.

Wonder sei ein burgenländischer Bauer im Weltall, sagte Müller, während der Kosmonaut dastand wie ein E. T. der Bühnenbildkunst, ein Außerirdischer um die Vierzig, österreichischer Herkunft, der neben seinen Bilderrätseln verschwindet und sich nichts sehnlicher wünscht, als sie nach Hause zu bringen: in ein phantastisches Theater wie in eine ferne Welt.

Ein Bühnenbildner, der Räume malt statt baut, müsse vom Theater enttäuscht sein, sagt Müller. Wenn Wonder seine Vorstellungen im Theater verwirklichen könnte, brauchte er Frau Rente und Herrn Mayer nicht. Schließlich sind die Bilder, die er in Düsseldorf ausstellt, nicht einfach Gemälde, sondern eine Mischung aus Bühnenbildkonzept und Malerei: Theatervisionen. Viele beziehen sich auf Inszenierungen, die schon stattfanden: Christof Nels "Antigone" in Frankfurt, Heiner Müllers "Auftrag" in Bochum, Jürgen Flimms "Lear" in Köln, Daniel Schmids "Lulu" in Genf. Aber wie auf diesen Bildern waren die Aufführungen nie zu sehen.

Wenn man an ihnen in der Galerie vorbeigeht, explodieren sie blutrot, leuchten gefährlich gelb, verschlucken schwarze Flächen auf ihnen das Licht. Schaut man genau hin, zerlaufen viele dieser Theaterabende am unteren Bildrand, als tropften sie ins Bodenlose, ein farbiger Schnürlregen aus Wonders All. Diese Bilder träumen von einem Theater jenseits des Machbaren. Aber sie explodieren nicht wirklich: am unteren Rand vergießen sie noch bunte Tränen. Vielleicht auch darüber, daß es sie in der radikalen Version dieser Ausstellung im Theater nicht gab. Aber solange Wonders Bilder noch weinen, wird der Aufstand nicht stattfinden und das Machbare weiterhin triumphieren.

Man sieht in dieser Ausstellung, wieviel Bewegung im Thater sein könnte und spürt den Stillstand doppelt. Auf einem Bild zu Schmids "Lulu" fliegen schwarze Würfel wie Kamera-Augen um ein dunkles Hochhaus, beobachten vielleicht in den Wohnungen die einzelnen Szenen des Stücks. Er fühle sich als "ein Kameramann, der Räume baut", sagt Wonder in einem Gespräch, das im Katalog steht. Vom Kamerawürfel über dem Dach des Hochhauses tropft Blut. Wahrscheinlich hat auf der Dachterrasse Lulu gerade Dr. Schön erschossen. Die Würfel stürzen auf der anderen Seite der Hochhausfront wie in einem Blutrausch in die Tiefe. Aus der untersten Kamera spritzen zwei kleine Blutfontänen: Lulu und die Gräfin Geschwitz sind nicht mehr. Man kann die Tragödie kaum noch erkennen, so voller Energie ist das Bild. In tausend Funken Spritzen die Farben über die Geschichte, als stünde sie unter Strom statt unter Denkmalschutz. Man ahnt, was diese Bilder unserem Theater bedeuten könnten.

"Ich will keine Filme machen, ich will Theater machen", sagt Wonder. "Aber es gibt Medien, die eine Generation prägen können. Und da hat uns nicht das Theater geprägt, sondern der Film." In den Kinos ist Wonders Theater entstanden. Als er mit Luc Bondy in Frankfurt Horst Laubes "Dauerklavierspieler" inszenierte, sah die Bühne noch aus wie ein Studio in Cinecittà. Aber dann kam ein Film und veränderte fast alles: Martin Scorseses "Taxi Driver". Mit einem ganz naturalistischen Licht beschrieb der Film eine vollkommen künstliche Großstadtwelt. Im langsamen Rhythmus der Scheibenwischer des Taxi Drivers wechselten die Bilder, die man durch die Windschutzscheibe sah. Danach stand auf der Bühne des Frankfurter Theaters ein Leuchtstab, der uns wie ein Scheibenwischer die Bilder aus den Augen brannte. Das geschah in Christof Nels Frankfurter "Antigone", Bühne: Erich Wonder. Nicht mehr die Schauspieler wurden herausgeleuchtet, sondern die Zuschauer: blind vor Licht.

Wonder hat dazu ein Bild gemalt. Wie ein schwarzer, magischer Kasten steht das Theater in der Staat, eine Festung gegen die Welt draußen. Es sieht aus wie jener schwarze Würfel, den Wonder für Nels "Antigone" auf die Frankfurter Bühne stellte. Am Würfel befestigt: der Leuchtstab. Drumherum schwarze Hochhäuser, eine chaotische Stadtlandschaft, von weißem und rotem Licht überflutet. Aber schon dringt milchig-weißes Licht auch in den Theaterkasten ein. Drinnen sieht es wie draußen aus. Als er uns das bewiesen hatte, ging Wonder auf Reisen.