Die Neue Heimat wehrt sich gegen Bonn

Der Schreck muß dem Chef der Neuen Heimat (NH), Diether Hoffmann, mächtig in die Glieder gefahren sein, als er einen 34 Seiten umfassenden Bericht des Bundesbauministeriums über die NH in die Finger bekam. Bauminister Oscar Schneider, der den Bericht auf Anforderung des Bundeskanzlers verfaßt hatte, sprang nicht gerade zimperlich mit dem gewerkschaftseigenen Wohnungsbaukonzern um, der 1982 in eine akute Krise geriet, als der Spiegel skandalöse Bereicherungen einiger Spitzenmanager aufdeckte. Schneider, beileibe kein Gewerkschaftsfresser oder Gegner gemeinnütziger Wohnungsfirmen, erstellte ein langes Sündenregister der um das Überleben kämpfenden Neuen Heimat und sparte nicht mit politischen Seitenhieben.

"Schwere Managementfehler, umfangreiche Spekulationen mit Grund und Boden und eine extrem hohe Zinsbelastung durch die nahezu vollständige Finanzierung mit Fremdkapital können noch auf Jahre hinaus negative Betriebsergebnisse in einer Größenordnung von mehreren hundert Millionen Mark zur Folge haben", schrieben Schneiders Beamte.

Und die Schuldigen an der katastrophalen Entwicklung des größten Wohnungsbauunternehmens in Europa machte der Minister auch gleich namhaft: "Gesellschafter, Aufsichtsrat und Prüfer haben nicht oder völlig unzureichend und zu spät auf diese Fehlentwicklung bei der NH reagiert."

Nicht verkneifen konnte sich Schneider den Hinweis auf die unter anderen verantwortlichen Aufsichtsratsmitglieder Ernst Breit, der Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes und allerdings erst nach Bekanntwerden des Skandals auch Vorsitzender des NH-Aufsichtsrats ist, und auf Franz Steinkühler, stellvertretender Vorsitzender der IG Metall sowie auf die ÖTV-Chefin Monika Wulf-Mathies.

Auch die von der Neuen Heimat gewählte Strategie, den Konzern durch den Massenverkauf von Sozialwohnungen zu retten, fand bei Schneider keine Gnade. "Das Handeln der NH geht zu Lasten der Mieter und verstößt gegen alle gemeinwirtschaftlichen und gemeinnützigen Grundsätze", urteilte der Minister. Außerdem befürchtete er, daß die mit mehr als zehn Milliarden Mark an öffentlichen Mitteln geförderten Sozialwohnungen der NH nicht mehr dauerhaft den rechtlichen Bindungen der Gemeinnützigkeit unterliegen. Überdies laufe die Geschäftspolitik der Neuen Heimat darauf hinaus, die Anteilseigner, also Gewerkschaften und Gläubiger, von weiteren Belastungen freizuhalten.

Alarmieren mußte den NH-Chef Hoffmann das Fazit des Ministers: "Wenn die Idee der Gemeinwirtschaft nicht Schaden nehmen soll", meinte der Bauminister, "müßten die Anteilseigner der NH sich ihrer sozialen und gesellschaftspolitischen Verantwortung stellen und die Verluste übernehmen. Im Klartext: Die NH soll den Massenverkauf von Wohnungen einstellen.