Von Roland Hill

London‚ im Januar

Ist Michael Heseltine das Opfer eines rechthaberischen, autoritären, intoleranten, keinem vernünftigem Argument zugänglichen "Weibes"? Oder hat sich Margaret Thatcher, die "eiserne Lady", in dieser schweren Regierungskrise als schwache Frau erwiesen? War es vielleicht nur ein Hahnenkampf zwischen zwei Ministern – hier Michael Heseltine als Befürworter des zur Rettung der kränkelnden Hubschrauberfirma Westland mobilisierten europäischen Konsortiums, dort Handelsminister Leon Brittan, der das amerikanische Angebot von Sikorsky-Fiat unterstützte? Hat Heseltine, der wegen seiner goldblonden Mähne und gelegentlichen Temperamentsausbrüchen "Tarzan" genannt wird, sich in eine fixe Idee verrannt, so daß ihm zuletzt nur noch der wutschnaubende Auszug aus dem Kabinett blieb? Dann hätte er den Rat vergessen, den ihm Margaret Thatcher, von Karikaturisten als mit Lendenschurz bekleidete Jane gezeichnet, erteilte: "Merk dir eines, Michael, von nun an bin ich Tarzan und du Jane."

Solche Fragen beschäftigten die Briten nach den dramatischen Ereignissen der letzten Tage. Mit Michael Heseltine, dem zurückgetretenen Verteidigungsminister, sympathisiert ein gemischtes Lager: unzufriedene Konservative und natürlich die Thatcher-Gegner, die befriedigt Schwächesymptome an der Regierungschefin feststellen. Für die anderen hat sich Heseltine nun als wet (Angsthase) zu erkennen gegeben, wie Frau Thatcher jene Spezies Politiker nennt, die den Staatsinterventionismus weniger grundsätzlich ablehnt als die reine Marktwirtschaftslehre es verlangt. Mit Ausnahme des nun einsamen Energieministers Peter Walker sind die wets aus dem Kabinett ausgezogen. Auf jeden Fall wird Heseltine auf den konservativen Hinterbänken des Unterhauses einen eindrucksvollen Thatcher-Widersacher abgeben.

Zu den Liberalen oder den Sozialdemokraten, die einen Mann von Heseltines Format gebrauchen könnten, zieht ihn nichts. Er wolle seiner Partei treu bleiben, hat er gesagt; er war bisher mit seiner aufpulvernden, demagogischen Rhetorik auf den Parteitagen einer ihrer Lieblinge. Die eigene Sache zu gefährden, to rock the boat, ist nicht konservative Sitte. Im Unterhaus, dem Heseltine seit 20 Jahren angehört, fehlt ihm freilich die Gefolgschaft, die einer Anti-Thatcher-Fronde dienen könnte. Er gilt als Einzelgänger. Einer BBC-Umfrage zufolge fanden zwei Drittel von 200 konservativen Abgeordneten, also etwa die Hälfte der Fraktion, seinen Affront nicht gut; er sei auch seiner Ambition als Thatcher-Nachfolger abträglich. Margaret Thatcher sitzt noch fest im Sattel. Die Frage, wer Nachfolger wird, stellt sich zumindest ihrer Einschätzung nach, erst in fünf Jahren, wenn sie die Downing Street mit der Villa beim Golfklub von Dulwich vertauschen will. Sollte ihr aber die Wählerschaft etwa in zwei Jahren eine zweite Mandatsverlängerung verweigern, käme jener Mann, der dann wohl für die Niederlage mitverantwortlich gemacht werden würde, nicht unbedingt als Nachfolger in Frage – ganz abgesehen davon, daß bis dahin andere Bewerber im Feld stehen dürften.

Der fast 53jährige Heseltine ragte gleichwohl aus dem langweilig gewordenen Thatcher-Team hervor. Er ist einer der rasanten "Erfolgsmänner", die – sozusagen self-made aufgestiegen – die Tory-Elite der Ära Thatcher bilden: klassenloser als die Patrizier von einst, auch nicht mehr ganz so fein. Heseltine kommt aus gutbürgerlichem Haus und genoß englische Privatschulerziehung mit Oxforder Schliff. Er brachte es sogar zum Präsidenten des Oxforder Studentenverbandes, was ihn auch für eine politische Karriere als High-Flyer prädestinierte. Seine geschäftlichen Erfolge als Verleger dienten dafür als Grundlage. Heseltine galt als einer der reichsten Männer des ohnedies nicht aus Armen bestehenden Thatcher-Kabinetts. Sein Charakter wird als eine harte Mischung von klugem Rechner und Hasardeur beschrieben – ein Politiker mit Geschick dafür, seine Chancen schon von weitem zu erkennen.

Ist diese Chance mit der merkwürdigen Westland-Affäre gestiegen oder vertan? Den Durchschnittsbriten mag es wenig interessieren, ob sich dieses kränkelnde Unternehmen von amerikanischer oder kontinentaleuropäischer Seite helfen läßt. Daß Heseltine eine im Grunde triviale Sache aufbauschte, müsse im Grunde seine Urteilsfähigkeit und Objektivität in Zweifel ziehen, heißt es denn auch in London. Gewiß hat sich der Minister für "Europa" eingesetzt, zumal für eine engere Zusammenarbeit in der Rüstungsbeschaffung. Gewiß hat er sich die Sympathien seiner bisherigen Amtskollegen in Bonn, Paris und Rom verdient, obgleich deren Solidaritätsbekundungen in Downing Street 10 als unstatthafte Einmischung angesehen werden. Allerdings verläßt Heseltine sein Ministerium zu einem, aus seiner Sicht, gar nicht ungünstigen Zeitpunkt. Nach drei Jahren beeindruckender Stärkung der britischen Verteidigung innerhalb der Nato hat nun sein Nachfolger George Younger die undankbare Aufgabe, las Budget erheblich zu kürzen.