Die Anfänge beleuchten den Übergang zum Ruhm, den ihm der Neo-Realismus brachte: "Rom, offene Stadt" und "Paisà" (1945, 1946) traten nicht allein im Schlaglicht der Befreiung auf. Ihre Kraft, sich loszusagen von der faschistischen Filmwelt der Weißen Telephone lag schon in Rossellinis Kriegsfilmen der vierziger Jahre begründet. Ohne das Vorbild des "alten" Realismus deutscher Schule (G. W. Pabst) und sowjetischer Schule (Pudowkin) sind sie nicht denkbar. Daß der Krieg den Turm von Babel bombardierte, allen Völkern Tod und Terror brachte, machten diese Anfänge deutlicher, als bloß rhetorischer Antifaschismus in folgenden Filmen.

Rossellinis "Mann des Kreuzes", der 1942 als Militärkaplan an der russischen Front fiel, steht wieder auf als Bruder im Geiste des mit den Kommunisten paktierenden Priesters, den die Nazis in "Rom, offene Stadt" hinrichten. Der Glaube mag für diesen Regisseur eine Bündnis frage gewesen sein: sein Stil nicht.

Niemand schätzt den "ganzen" Rossellini; kaum einer der filmenden Zeitgenossen oder eifrigen Schüler in der Klasse der "nouvelle vague" verleugnet aber dessen prägenden Einfluß auf sein Werk. Von Rossellini zitiert man Sequenzen, Details, Momente intensivster Darstellung, um sich nicht in die Widersprüche des offenen Stils zu verwickeln. In seinen Filmen herrscht ein schönes Durcheinander von Sprachen, Gesten, Weltanschauungen und Landschaften. Gestern noch Anna Magnanis aufrührerisches Temperament hinreißend gefunden und heute Ingrid Bergmans Revolte und Glaubenswende als befremdlich abgetan: Zwei Generationen nach Rossellini findet das nachgewachsene Publikum kaum einen Weg mehr zum trotzigen Pathos, zu den in diesen Filmen sichtbaren Zeichen utopischer Selbstbefreiung.

Im Spätwerk wurde Rossellini ein noch zu entdeckender Dokumentarist der Überlieferung großer Lehren. Seine Fernsehfilme galten Pascal, Descartes, Augustinus, Garibaldi, dem Messias. Als der Regisseur 1977 starb, hinterließ er ein Filmprojekt über Karl Marx und ein Buch seiner Aufsätze (nur in Frankreich gedruckt). Es heißt: "Ein freier Geist muß nichts als Sklave lernen." (Retrospektive der Stiftung Deutsche Kinemathek und der Freunde der Deutschen Kinemathek bis Ende Januar im Berliner "Arsenal"). Karsten Witte