Von Manfred Sack

Damals, im Jahre 1968, war das so: die aufstrebende, sich als Oberzentrum begreifende Stadt Bielefeld erwirbt ein großes Grundstück am nördlichen Rand des Stadtzentrums. Es ist ihr außerordentlich kostbar – nicht, weil sie darauf ein würdiges altes Fabrikschloß von europäischer Bedeutung vorfindet, sondern weil sie es endlich abreißen und statt dessen eine große Kreuzung breiter Straßen anlegen kann. Hinter dem für die Zeit sehr typischen Projekt steht der (inzwischen abgewählte) Baudezernent der Stadt, ein Tiefbauingenieur.

So ging es dann weiter: ein Jahr, nachdem der alte Betrieb, die Ravensberger Spinnerei, in einen Vorort verlegt worden war, wird das Bauwerk zum Denkmal erklärt, treibt die Stadt ihre Straßenplanung bockig weiter, regt sich Widerstand dagegen. Einundzwanzig prominente (auch wirtschaftlich potente) Bürger bilden einen Förderkreis zur Erhaltung der Fabrik, laden internationale Fachleute zu einem Hearing ein und erfahren von ihnen, daß das Straßenkreuz überflüssig, die Fabrik hingegen von großem Wert sei. Sie beauftragen daraufhin den hannoverschen Planer Friedrich Spengelin mit einem "Leitbild für die Nutzung des Geländes und der Nachbarbereiche" und erhalten den verheißungsvollen Entwurf einer "grünen Insel", deren Mittelpunkt das Baudenkmal mit seinem Park ist, das die Stadt erworben hatte, um es abzureißen.

Und nun steht dies bevor: Am 17. Januar wird das hundertdreißig Jahre alte Fabrikschloß neuerlich eröffnet, diesmal als Bürgerschloß. Das einzigartige Hauptgebäude der Ravensberger Spinnerei ist gerettet. Die Volkshochschule, zuletzt an sechzig Stellen der Stadt untergebracht, hat endlich eine angemessene Bleibe, mit der sie sich jetzt schon eins fühlt. Eine Geschichte wie viele andere hat eine Fortsetzung wie, leider, wenige andere gefunden. Heute wundert man sich noch viel mehr als vor zehn Jahren, daß die Stadt Bielefeld und ihr Rat so lange und so verbittert darauf beharrt haben, dieses Industriedenkmal zu zerstören – obwohl doch längst klar war, welche Bedeutung es für die Geschichte des 19. Jahrhunderts hat und für die Stadt.

Die Ravensberger Spinnerei war 1854 gegründet worden, eine Aktiengesellschaft, deren Kapital von einer Million Taler schnell beisammen war. Ihr Initiator und erster Direktor (womöglich auch ihr Architekt) war Ferdinand Kaselowsky, ein weltläufiger, anspruchsvoller Mann, der "eine Fabrik aus gutem Gusse" im Sinne hatte. Die eisernen Stützen und Träger orderte er – ebenso wie die Maschinen – in England. Über den Bau konnte das Vorstandsmitglied Hermann Delius in der ersten Generalversammlung 1856 berichten, daß er "den Anforderungen des Schönheitssinnes wie denen des Zweckes gleich gerecht" ausgeführt worden sei. Das Prinzip bestimmt den intelligenten Industriebau bis heute: Man habe, sagte Delius, "alles Überflüssige vermieden" und in der Eisenkonstruktion darauf geachtet, "mit dem geringsten Materialaufwand die größte Festigkeit" zu erreichen, so ökonomisch wie möglich.

Die Konstruktion mit Stützen und Trägern aus Grauguß(-Eisen) bestimmte die Dimensionen des Hauptgebäudes. Es ist 105 Meter lang, etwa 20 Meter breit, 27 Meter hoch. Der fünfstöckige, mit vier Türmchen verzierte, an der Eingangsfront von einem dreistöckigen, erkerartigen Vorbau betonte Mittelbau ist von zwei dreistöckigen Flügeln flankiert. Im Mittelbau befand sich, hinten ausladend, das Kesselhaus mit einem Schornstein von stolzer Eleganz, einem Palazzo-Vecchio-Turm; in den Seitenflügeln lagen die Spinnereisäle.

In der Symmetrie offenbarte sich der Fortschrittsstolz der neuen Herren. Sie gefielen sich in der mystifizierenden Machtgebärde eines Fabrik-, nicht eines Fabrikantenschlosses, sie erlaubten sich aber auch eine erstaunlich umweltbewußte Geste: Die Fabrik wurde mit einem prachtvollen Park umgeben; das Kondensationswasser der Dampfmaschine, "ein immerwährender Springbrunnen", ergoß sich in ein rundes Becken vor dem Haupteingang und wurde in zwei dreieckig-ovalen Becken links und rechts davon gekühlt. "Man glaubte kaum", wie ein Zeitgenosse anmerkte, "inmitten industrieller Thätigkeit zu stehen": Bielefeld war "Centraipunkt der Fabrikation wie des Absatzes nach allen Gegenden Europas und transatlantischer Plätze", die Spinnerei mit ihrer klassizistisch gezügelten, romantischen Werkstein-Architektur das anschauliche Wahrzeichen dieses Anspruchs.