Von Carl-Christian Kaiser

Hannover, im Januar

Wenn man Wilfried Hasselmann glaubt, dann ist die in einem halben Jahr stattfindende niedersächsische Landtagswahl bereits gelaufen, zugunsten der Union. Als Gastgeber der zur traditionellen "Nordlicht"-Reise eingeladenen Bonner Journalisten rührt der CDU-Landesvorsitzende, stellvertretende Regierungschef und Minister für Bundesangelegenheiten kräftig die Trommel. Aber ein Herold und Optimist war Hasselmann schon immer. Nach seinen häufigen Morgen-Interviews im Rundfunk sagt seine Frau Marianne gelegentlich: "Wenn du geschwiegen hättest, wäre es auch halb acht." Freilich ist es Wilfried Hasselmann selber, der das erzählt, und er weiß genau, wie sehr auch solche anekdotische Selbstironie die Werbewirksamkeit erhöht.

Natürlich, entschieden ist noch nichts. Das muß Hasselmann sagen, damit bis zum 15. Juni der Spannungs- und Mobilisierungsbogen nicht einstürzt. Aber die Zuversicht platzt doch aus allen seinen Knopflöchern. Hasselmann spricht von dem Selbstwertgefühl, das im Land entstanden sei, trotz der noch immer untergründigen Spannungen zwischen katholischen Oldenburgern und protestantischen Braunschweigern oder zwischen Weifen und Preußen. Die Bürger mit diesem Wir-Gefühl, meint er, tragen weithin das CDU-Emblem, identifizieren sich mit dem Ministerpräsidenten. Der Vorwahlkampf setzt darauf. Auf den Unionsplakaten taucht das Parteikürzel nicht auf, statt dessen geht es dort nur um die "Albrecht-Politik". Das Modell Rau läßt grüßen.

Ohnehin soll sich der Wahlkampf allein um Niedersachsen drehen. Einerseits ist das noch ein Abschottungs-Reflex auf die schlechte Stimmung, die die Bonner Politik bis in den vergangenen Herbst verbreitete. Andererseits, wenn der Stimmungswandel, der seitdem eingetreten ist, auf Niedersachsen konzentriert werden kann – um so besser. Überhaupt der Wandel: Zum Beweis führt Hasselmann jene Goslarer Abiturklasse an, die sich unter dem Motto "Unsere Chancen steigen" zugunsten der Albrecht-Politik plakatieren läßt. Früher sei das ganz undenkbar gewesen.

Ernst Albrecht selber spricht gern von dem "Aufsteigerland Niedersachsen", das seine strukturellen Schwächen durch die gezielte Förderung modernster Technologie zu überwinden beginnt, damit die Industrie der Forschung folgt. Tatsächlich nimmt die Arbeitslosigkeit im Lande nicht weiter zu, sondern beginnt eher schon zu sinken.

Wenn der Ministerpräsident ganz betont davon redet, dann meint man etwas von den spannungsreichen Nord-Süd-Verlagerungen zu spüren, die auch in der Union die politischen Gewichte verschoben haben. Tun sich nicht Lothar Späth und Franz Josef Strauß immer mehr zusammen, als Mäzene der Hochtechnologie, bei der Industriepolitik überhaupt, in Rundfunkangelegenheiten und bei Agrarproblemen? Bei Fragen danach weicht Ernst Albrecht aus.