Es war in München, Ende Oktober 1984. Die internationale jüdische Organisation B’nai B’rith verlieh dem damaligen Vorsitzenden des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Rolf Rodenstock, die Goldmedaille. Auch Werner Nachmann dankte dem Industriellen, mischte jedoch kritische Töne in seine Lobrede.

"Inzwischen", so der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland schon damals, "sind Jahrzehnte vergangen, aber vom Normalen sind wir noch weit entfernt. Darum erlauben Sie mir, gerade bei diesem Anlaß zu fragen, auf welche Weise auch der deutschen Wirtschaft Pflichten zukommen. Eine neue Generation hat die Verantwortung in der Wirtschaft und in der Politik übernommen, aber die zeitliche Ferne darf die Not des Gewissens nicht mildern. Denn sonst müßten wir bekennen, daß alle Opfer umsonst waren."

Rodenstock hat sich seinerzeit für Nachmanns Anmahnung bedankt, wohl auch verstanden, warum der Gratulant ein weiteres Mal daran erinnert hatte, daß sich während des Dritten Reiches "auch in der deutschen Industrie zu wenige dem Unrecht widersetzt hatten. Die Mehrheit duldete die Demütigung und verschloß vor allen sichtbaren Entwicklungen die Augen." Das Thema "Sklavenarbeiter" hatte Nachmann gemeint, doch das Wort nicht in den Mund genommen. Empört dagegen reagierte Professor Hans Merkle, Bosch-Aufsichtsratsvorsitzender. Es habe nicht viel gefehlt, sagte er in seiner Laudatio für Rodenstock, und er hätte aus Protest den Raum verlassen. Man könne nicht sagen, die deutsche Industrie habe sich während der NS-Zeit "etwas zuschulden kommen lassen". So Professor Merkle noch im Spätherbst 1984.

Heute, nach dem anfänglichen Widerstand der Deutschen Bank, seinen Partner Flick zu drängen, endlich die seit 1964 zugesagten fünf Millionen Mark als "symbolische Geste" an die knapp 1300 ehemaligen Zwangsarbeiter der "Dynamit Nobel" auszuzahlen (also gerade 4000 Mark für jeden Betroffenen), räumt Werner Nachmann ein: "Wir haben zu lange geschwiegen." Jetzt fordert er intensive Gespräche mit dem BDI, den Gewerkschaften und Parteien über das bisher kaum erörterte Kapitel "Sklavenarbeit", heute beklagt er: "Warum eigentlich gibt es in keinem Aufsichtsrat einer Firma, auf keinem Managerposten einen Juden? Warum ist noch kein Unternehmen, ob privat oder staatlich, bisher auf den Gedanken gekommen, jüdische Rechtsanwälte einzustellen oder auch nur jüdische Studenten in einem ihrer Förderprogramme auszubilden?"

"Dabei", so Nachmann in seiner Bewertung der endlich erfolgten "Flick-Zahlung" an die Überlebenden Zwangsarbeiter, "hat die deutsche Industrie nach 1945 auch den deutschen Juden manches zu verdanken." Erst habe sie während des Krieges durch die Ausbeutung jüdischer Sklavenarbeiter beträchtliche Gewinne gemacht, danach hätten ihr die zurückgehaltenen Juden zu internationaler Anerkennung verholfen. Die "Versöhnung vor vierzig Jahren" sei ihnen aber bisher nicht gedankt worden: "Mal eine Spende, sonst meist nur verbale Erklärungen." Selbst alle Versuche des Zentralrates, mit dem BDI über die Beteiligung der deutschen Wirtschaft am SS-Programm der "Vernichtung durch Arbeit" und deren Folgen ein klärendes Gespräch zu führen, brachten nichts. Dabei hatte bereits der amerikanische General Lucius D. Clay kurz nach dem Krieg gemeint, das Barometer für die Demokratisierung der Deutschen werde sein, "wie weit Juden und jüdische Gemeinden wieder hier lebensfähig sein können" – daß heißt, wie sie über eine formale Anerkennung hinaus auch praktisch akzeptiert werden.

Dazu gehört für Werner Nachmann auch eine deutliche Distanzierung Bundeskanzler Kohls und des CSU-Vorsitzenden Strauß von den beschämenden Äußerungen des innenpolitischen Sprechers der CSU-Landesgruppe, Hermann Fellner. Nach Anmahnung der Flick-Zahlung hatte der Amberger Bundestagsabgeordnete bemerkt, "daß die Juden sich schnell zu Wort melden, wenn irgendwo in deutschen Kassen Geld klimpert"; auch sei der Zeitpunkt, so fügte er später hinzu, angesichts des angeschlagenen Flick-Konzerns "nahezu unmenschlich". Kohl hatte dazu vor der Bonner Pressekonferenz lediglich gesagt, er finde die Formulierung nicht in Ordnung; dies wird Nachmann in einem Brief an den Kanzler bemängeln. Franz Josef Strauß und dem CSU-Landesgruppen-Chef Theo Waigel, der ihm ein Gespräch angeboten hat, wird er mitteilen: Ehe sich Fellner nicht öffentlich für seine Entgleisung entschuldigt hat, wird er die Einladung nicht annehmen.

"Wie viel noch aufzuarbeiten ist", stellte der Zentralrat am Wochenende nach einer Präsidiumssitzung fest, "hat dieser Vorfall gezeigt." Und auch dies wurde von ihm gerügt: "Bis heute hat sich keine Bundesregierung zum Anwalt der jüdischen Zwangsarbeiter während der Nazizeit gemacht." Dietrich Strothmann