Die Kritik des Bundesverfassungsgerichtspräsidenten Wolfgang Zeidler am vermeintlich übermächtigen Einfluß der Kirchen auf die staatliche Rechtsordnung hat Bemerkenswertes an den Tag gebracht: Jedenfalls die katholische Kirche in der Bundesrepublik beansprucht solchen Einfluß offenbar noch immer. Anders ist es kaum zu erklären, daß der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz fordert, aus dem Diskussionsbeitrag Zeidlers – zugunsten einer Fristenlösung beim Schwangerschaftsabbruch und zugunsten aktiver Sterbehilfe durch den Arzt – müßten "Konsequenzen gezogen werden". Soll der höchste Richter dieses Landes etwa sein Amt verlieren, weil er der zutreffenden Ansicht ist, die Gesetze würden nicht von den Kirchen, sondern vom weltlichen Gesetzgeber gemacht?

Allerdings enthalten auch die weltlichen Gesetze zum Schutz des werdenden und des zu Ende gehenden Lebens eine Wertentscheidung, was Zeidler nicht angemessen zur Sprache brachte. Die Parlamentsmitglieder, die diese Gesetze schufen, mögen dabei sogar von christlichen Überzeugungen bestimmt gewesen sein. Daraus kann die Amtskirche jedoch keinen Anspruch herleiten, der staatliche Gesetzgeber müsse sich als Vollzugsorgan katholischer Moraltheologie verstehen.

H. Sch.