Von Regina Oehler

Geschlossene Gesellschaft“. Das Schild hängt am Eingang zur Konferenz-Etage hoch oben im Europa-Center. Hinter verschlossenen Türen haben sich Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen (die freilich in verschwindender Minderheit) aus Europa, Amerika und Asien für fünf Tage in Klausur begeben. Sie wollen „interdisziplinär einen neuen Aufbruch suchen“, wie Gunther Stent, prominenter Neurobiologe an der University of California in Berkeley, es ausdrückt. Gegenstand ihrer Bemühungen ist eine Fähigkeit, ohne die weder wir noch viele andere Lebewesen überleben könnten, das Lernen.

„In diesem Workshop wollen wir versuchen, eine neue Synthese der neuronalen und molekularen Mechanismen des Lernens zu gewinnen.“ Das Ziel ist nicht eben nieder gesteckt. Wie sollen all die verschiedenen Phänomene, die unter den schillernden Begriff Lernen fallen, einheitlich erklärt und sogar auf molekularer Ebene, also bis ins kleinste Detail, beschrieben werden können? Wir lernen, keine heiße Herdplatte zu berühren, wir lernen schwimmen, Gesichter unterscheiden, Latein, wir lernen, daß wir aus Erfahrungen oft nicht klüger werden. Lernen erfordert Aufnehmen, Speichern und Wiederabrufen von Informationen. Lernen ist eine Grundbedingung menschlichen (und auch tierischen) Lebens. Wie sollen die biologischen Prozesse, die dem Lernen zugrundeliegen, da umfassend beschrieben werden können?

Doch während Berlin im Dunst versinkt und die Gedächtniskirche langsam an Kontur verliert, scheinen die Wissenschaftler ihrem Ziel tatsächlich näherzukommen: „Das war ein außerordentlich aufregendes Meeting, typisch für die Dahlem-Konferenzen“, wird Eric Kandel vom Center for Neurobiology and Behavior in New York, einer der Pioniere der Molekularbiologie des Lernens, am Ende der Tagung urteilen.

In der Tat gibt es einige bemerkenswerte Fortschritte auf dem Weg zu einer (vielleicht niemals erreichbaren) Synthese:

  • Die biochemischen Vorgänge, die bei der Vermittlung von Lernen eine Rolle spielen, scheinen in den Nervenzellen von „einfachen“ Tieren sehr ähnlich und manchmal sogar gleich abzulaufen wie im Gehirn von Säugetieren. Damit können die umfangreichen Forschungsarbeiten, wie sie zum Beispiel an Meeresschnecken geleistet wurden, auch für das Verständnis des Lernens beim Menschen wichtig werden.
  • Lernprozesse im Gehirn basieren möglicherweise auf den gleichen Mechanismen, die in der Entwicklung des Gehirns, bei der Anpassung des jungen Lebewesens an seine Umwelt, eine wesentliche Rolle spielen.
  • Wenn Zellen dauerhaft „lernen“, wird die genetische Information in diesen Zellen möglicherweise anders genutzt. Das Langzeitgedächtnis könnte also in einer unterschiedlichen Genaktivität verankert sein.
  • Lernen findet (zumindest größtenteils) über bereits bestehende Verbindungen im Gehirn statt. Lang- und Kurzzeitgedächtnis nutzen dabei (zumindest teilweise) dieselben Verbindungen.

Viel zum Verständnis des Lernens beigetragen hat Aplysia, eine Meeresschnecke mit dem deutschen Namen „Seehase“. Sie ist das bevorzugte Forschungsobjekt von Eric Kandel und seiner New Yorker Arbeitsgruppe. Lernen kann Aplysia einiges, zum Beispiel Schutzreflexe auf neue, bislang unbedeutende Reize hin durchzuführen.