Von Wolfgang Hoffmann

Washington, im Januar

Schließlich passierte es doch, in der Washingtoner Botschaft der Bundesrepublik Deutschland: Bonns Wirtschaftsminister Martin Bangemann verspielte beim Frühstück mit amerikanischen Journalisten den Kredit, den er zuvor zwei Tage lang bei den Gesprächen mit seinen amerikanischen Gastgebern erworben hatte. Der Mann, der sich für den "geborenen Außenminister" hält, plauderte ungeniert aus, was ihm der amerikanische Finanzminister James Baker unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut hatte – den Plan einer koordinierten Aktion zur weltweiten Senkung der Zinsen.

Mit seiner eigentlichen außenpolitischen Mission – der Verbesserung des amerikanisch-deutschen Technologietransfers im allgemeinen und der Regelung einer deutschen SDI-Teilnahme im besonderen – hatte diese finanzpolitische Indiskretion, die Bangemann später nach Rückkehr in Bonn pflichtgemäß dementieren ließ, nichts zu tun. Immerhin bekam er nun doch noch seine amerikanischen Schlagzeilen.

Ansonsten verliefen die Gespräche des Bonner Wirtschaftsministers zu still und zu undramatisch, als daß sie besonderes Aufsehen erregten. Politisches Porzellan mied Bangemann ausnahmsweise, wobei ihm aus der deutschen Delegation sogar diplomatisches Geschick attestiert wurde. Die Formulierung, mit der er seine Verhandlungen skizzierte – "Ich bin nicht hierhergekommen, um etwas mitzunehmen" –, hatte beinahe schon Genscher-Format.

Gut vorbereitet und noch in Washington von deutschen Diplomaten sorgfältig eingestimmt, war Martin Bangemann in seine Verhandlungen gegangen. Schon der erste Tag hatte lehrreiche Erfahrungen geboten. Daß es "einer Weltmacht nicht leicht fällt, Probleme der Bonner Koalition zu lösen", wie ein Reisebegleiter Bangemanns ironisch anführte, ließ der amerikanische Verteidigungsminister Caspar Weinberger den deutschen Gast in der ihm eigenen direkten Art spüren.

In der Tat sind es ja in erster Linie Probleme der Bonner Koalition, die den Wirtschaftsminister vorübergehend zum Ersatz-Außenminister machen. SDI – der amerikanische Plan einer Strategischen Verteidigungsinitiative im Weltraum – hat neue Fronten in der aus drei Parteien bestehenden Bonner Regierung aufgerissen. An den beiden Gegenpolen finden sich Außenminister Hans-Dietrich Genscher als fünfzigprozentiger SDI-Gegner und Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß, der andere geborene Außenminister, als hundertfünfzigprozentiger SDI-Befürworter und dazwischen Helmut Kohl, dessen Ja zu SDI dem einen zu viel, dem anderen zu wenig ist.