Gummersbach

Von fern gleicht das um die Jahrhundertwende errichtete Haus der "Schwarzwaldklinik" – es liegt in einem beschaulichen Tal und ist von viel Grün umgeben. Doch wir sind nicht im Schwarzwald, sondern im oberbergischen Land, am Ortsausgang von Gummersbach. Und statt der adretten Schwester Christa empfängt, in bunten Jeans und mit Wuschellocken, die Engländerin Jane, die vor dem Haus gerade Holz hackt und fröhlich grüßt: "Hallo, guten Tag!"

"Wir nehmen jeden auf und weisen keinen ab", steht am Eingang. Wie selbstverständlich läßt die junge Frau ihre Arbeit liegen, nimmt eine Kerze und geht voran ins Innere. Obwohl es bereits dunkelt, brennt im Haus kein Licht – der Strom ist gesperrt. Und im Flur ist es fast so kalt wie draußen. Jane öffnet die Tür zum Gemeinschaftsraum, aus dem uns die Wärme eines Kohleofens entgegenschlägt. An Holztischen sitzen eine Handvoll Frauen und Männer im spärlichen Schein weniger Kerzen. Dazwischen kräht die kleine Anna, die im Mai vergangenen Jahres hier geboren wurde und die der ganze Stolz nicht nur ihrer Eltern, sondern aller 17 Hausbewohner ist. "Wir haben es geschafft, das schöne alte Haus den Baggern von der Schaufel zu reißen und wieder mit Leben zu erfüllen", sagt Jochen, ein ehemaliger Kunststudent.

Doch die Freude wird nicht mehr lange dauern. Schon bald wird die bunt zusammengewürfelte Gruppe das Haus wieder räumen müssen; denn die jungen Leute haben keinen Mietvertrag. Sie halten das Haus seit rund einem Jahr besetzt, und die Eigentümerin, die katholische Kirchengemeinde St. Franziskus, hat nichts unversucht gelassen, die ungebetenen Bewohner, die sich "Sozialistische Selbsthilfe" nennen, wieder loszuwerden. "Was die tun ist widerrechtlich", sagt Pfarrer Josef Herweg, "ja, ich könnte sogar noch weitergehen: das ist Terror auf der unteren Stufe."

Mit ihrem Auftreten und Erscheinungsbild sind die Hausbesetzer im Ort auf heftige Ablehnung gestoßen. "Wir leben arm, machen einen heruntergekommenen Eindruck, sprechen und schreiben wie uns das Maul gewachsen ist, und wir kuschen nicht", sagt Norbert, "damit sind wir radikale Elemente und Störenfriede. Genau das wollen wir auch sein."

Die Mitglieder des "SSK Oberberg", eines Ablegers der "Sozialistischen Selbsthilfe Köln", sind eine Gruppe von Gestrauchelten und Gescheiterten, die es ablehnen, von Sozialhilfe zu leben oder sich in die Obhut karitativer Einrichtungen zu begeben. Sie wollen sich "nicht von Heimleitern und Sozialarbeitern entmündigen" lassen. Ihren Lebensunterhalt verdienen sie mit dem Verkauf von Kohle, die sie dreimal pro Woche mit ihrem klapprigen Lastwagen von einer Zeche im Rheinland holen, mit Entrümpelungen und dem Handel mit gebrauchten Möbeln. 60 Mark beträgt das durchschnittliche Wocheneinkommen für jeden. Nur jetzt im Winter laufen die Geschäfte schlecht. Weil die Kirche ihnen außer dem Wasser alle Versorgungseinrichtungen gekappt hat, haben sie auch kein Telephon. "Letzte Woche war es besonders schlecht", sagt Achim, "da blieben nur 15 Mark für jeden."

Immer mehr Menschen, berichtet Ex-Student Jochen, klopfen in letzter Zeit beim SSK an: ehemalige Psychiatriepatienten, aus der Haft Entlassene, Stadtstreicher und zunehmend Arbeitslose. Längst war der Gruppe ihr vorheriges Domizil, der ehemalige Bahnhof im nahegelegenen Hermesdorf, zu eng geworden. Jochen: "Wir mußten immer mehr Leute wieder wegschicken." Als sie das leerstehende Gebäude in Gummersbach entdeckten, überlegten sie daher nicht lange und besetzten es, nachdem die Kirche abgelehnt hatte, es zu vermieten.