Vermutlich ist er jedem von uns schon einmal begegnet. Er taucht ganz plötzlich aus dem Hintergrund des Supermarktes auf, hat – meistens – eine Dose Bier in der Hand und pirscht sich von der Seite her an die Menschenschlange heran, die vor der Kasse auf Abfertigung wartet.

Ganz harmlos sieht er aus, macht keinen Lärm und dringt unauffällig bis zur Spitze der Wartenden vor. Dort angekommen, spricht er betont höflich just den Kunden an, der gerade an der Reihe ist, seine Ware aufs Fließband zu legen: Ob er wohl mal schnell vorgehen dürfe, er habe ja nur diese eine Dose Bier...

Bevor der Überrumpelte überhaupt weiß, wie ihm geschieht, ist der Clevere – schwupp – schon durch. Eine Dose Bier, abgezähltes Geld – die Dame an der Kasse registriert automatisch, was ihr vor die Tastatur kommt. Sie kann nicht auch noch registrieren, was nun an Emotionen aus den hinteren Reihen nach vorn dringt.

"Unerhört, wir warten schließlich hier schon eine Ewigkeit!" – "Wieso drängelt der sich vor, ich hab’ auch nur eine Dose im Korb!" – "Wo kämen wir hin, wenn das jeder so machen würde!" – "Eine Unverschämtheit, ist doch wahr, ich hab’ auch keine Zeit!"

In die Menschenschlange kommt plötzlich Bewegung. Gestörte Ordnung ruft nach Gerechtigkeit.

Aber der Vordrängler ist nicht mehr zu fassen. Er ist längst durch mit seiner Dose Bier, während sich die Leute in der Reihe – je weiter nach hinten, desto lauter – immer noch erregen über diesen Fall von Unverschämtheit.

Vordrängler haben ihre Methode. Wichtig ist, daß sie keinen einzigen Blick auf die Menschen in den hinteren Reihen verschwenden. Den Vordrängler darf nur interessieren, wer vorn steht. Diesem gegenüber ist er allerdings, manchmal fast devot, anbiedernd höflich. "Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich vorgehe?" Wird’s ihm gestattet, dann ist der Erste plötzlich der Zweite.