Doch der "dritte Weg" zwischen Kapitalismus und Kommunismus führte ins Chaos, in wirtschaftliche und politische Sackgassen, aus denen das Land heute nicht mehr herausfindet. Zerschlagen wurden die Einheit des Binnenmarktes, alle Möglichkeiten einer koordinierten Wirtschaftsführung, aber auch alle Entfaltung marktwirtschaftlicher Gesetze, Korrektive und Anreize.

Mit sogenannten "gesellschaftlichen Übereinkommen" zwischen den Selbstverwaltungsbetrieben sowie mit Branchenkartellen versuchte man der Unordnung Herr zu werden – ohne große Erfolge. Der wirtschaftliche Separatismus und Partikularismus eskalierte, die sich selbstverwaltenden Unternehmen waren völlig überfordert, Löhne und Preise schnellten in die Höhe, Arbeitsdisziplin und Produktivität sackten ab. Statt der zentralen Staats- und Parteibürokratie rissen "dümmere und bösartigere Republiks- und Gemeindeapparatschiks" (Leo Mates, ehemaliger Direktor des Belgrader Instituts für internationale Politik) die Interventionsgewalt über die Wirtschaft an sich. Die Arbeiterselbstverwaltung wurde integrierter Bestandteil des "polizentristischen Etatismus" mit seinen acht "souveränen", egoistischeigenmächtigen Kommandozentralen. Auf das Konto ihrer Autarkiebestrebungen gehen letztlich die grotesken jugoslawischen Fehlinvestitionen, der völlig unrentable Aufbau überflüssiger und unkoordinierter Produktionslinien und die massive Auslandsverschuldung des Landes.

Die Selbstverwaltungsdemokratie ist der eigentliche Kern der jugoslawischen Malaise, die durch die unüberbrückbar tiefe Kluft zwischen gesellschaftlichem Traum und politischer Realität genährt wird. "Die Freisetzung des Arbeiters von der Produktion, wie das Selbstverwaltungsmodell sie fordert, hat nie stattgefunden", erklärt Leo Mates: "Die Arbeiterdemokratie funktionierte nie, das Management entscheidet alles."

Hinter dem Management, das sich zur Durchsetzung seiner Anordnungen des Arbeiterrates bedient, stehen lokale Partei- und Staatsfunktionäre – in Personalunion oder engster Verfilzung. "Die Verzahnung von Wirtschaftsdemokratie und Ideologie gelingt nicht", gibt die stellvertretende Wirtschaftsministerin, Nevanka Pecar-Sindic, zu. In den Worten eines Parteitheoretikers heißt das: "Die Direktdemokratie auf Grundlage der Selbstverwaltung bedeutet, wenn sie echt ist, die Ablehnung des (Macht-)Monopols und steht daher in unversöhnlichem Gegensatz zum System der Parteiherrschaft." Die große Idee der Arbeiterselbstverwaltung gründete in der Illusion des Absterbens von Staat und Partei. Doch davon kann in Jugoslawien nicht die Rede sein.

Im serbischen Loznica gibt der Arbeiter Vidoje Jancic zu Protokoll: "Unser politisches System befindet sich in einer tiefen Krise. Aber noch immer gebärden sich viele in ihren weichen Sesseln wie der Vogel Strauß und geben vor, nichts zu sehen." Wenige Kilometer entfernt, auf der anderen, der bosnischen Seite des Drina-Flusses, steht in Stein gehauen unter einem Riesenporträt Titos: "Genosse Tito, wir schwören dir, daß wir deinen Weg nicht verlassen werden." Wieweit ist das noch möglich?

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Jugoslawien: Ringen um Reformen