/ Von Benedikt Erenz

Die Zelle teilt sich im Kern. Noch unsichtbar verdoppeln sich Desoxyribonukleinsäure und die Proteine der Chromosomen. Dann erkennt das Auge des Mikroskops ein zartes spindelartiges Gebilde, das den Zellkern langsam auseinanderzieht. Die Chromatiden trennen sich, wandern zu gleichen Teilen an die beiden Pole der Spindel. Der Plasmakörper schnürt sich zusammen, immer dünner und dünner wird die Taille, bis die beiden Hälften sich lösen: Eine neue Zelle ist entstanden.

Ich nehme mein altes kleines Schülermikroskop und lege einen Text von Oskar Pastior darunter. Na bitte, wie ich es vermutet hatte: Genau das gleiche Bild. Wie sich da die Satzzellen teilen, die Wortkerne sich dehnen und langsam zerplatzen, wie die Buchstabenchromosome sich trennen und wieder vereinen – welch ein Gewühl, eine Hektik, welch ein göttliches Tempo! Unablässig erblühen neue syntaktische Verbindungen, die Desoxyribonukleinsätze verschlingen sich ineinander, die Buchstabenfolgen verlieren ihren Sinn und erfinden sich einen neuen, und alles pulsiert und entgleitet beharrlich dem Blick, daß es gar nichts nützt, das Okular schärfer zu stellen.

Ja, seltsam: plötzlich wird das Mikroskop zum Fernrohr; Wörterhaufen, Milchstraßen von Lauten, Silbenregen kommen vor das Glas, seltsame Reimkometen und stille, fern funkelnde Fixworte. Ein wundersamer Kosmos, dieses Pastiorsche Werk. Mikro und Makro: ein wimmelndes Leben. Man bekommt die Bücher kaum zu, schon quillt es zu allen Seiten heraus, schon rieselt, wächst und wuchert es, schon kriecht und fliegt es unbändig daraus hervor. Über Tag decken Licht und Lärm das Eigenleben dieser Bände, doch nachts, wenn alles still ist, hört man es schmatzen und lachen und husten aus dem Regal. Dann teilen sich wieder Millionen Pastiorzellen und tausend Pastiörschnuppen zerstäuben am schwarzen Firmament des Zimmers, und ich ziehe mir die Decke über den Kopf, um vom großen Weltenraum zu träumen, vom purpurblauen, vom knisternden, wuchernden Pastior-All.

Die Spiegel

Im Eingangsflur des Hauses in der Schlüterstraße, Berlin Charlottenburg, hängen, wie in alten besseren Mietshäusern üblich, zwei große Spiegel vis-à-vis. Ein simpler Trick – und doch, wieviel Weite plötzlich entsteht, eine schier endlose Perspektive in diesem dunklen, asthmatischen Hausflur.

Was ihn als Kind fasziniert habe, sagt mir Oskar Pastior ein wenig später in seiner Wohnung im zweiten Stock, waren simple Tricks, verblüffende physikalische Effekte, wie man sie in Doktor Paul Karlsons Buch "Du und die Natur" nachlesen konnte: das Gesetz der kommunizierenden Röhren oder die archimedischen Entdeckungen. Daß etwas sirrt oder klickt – und plötzlich hat sich alles verändert; Dinge wandern, das Unterste kehrt sich zu oberst, Farben wechseln: völlig verrückt und absolut folgsam den Gesetzen der Natur. Phänomene, eine Welt aus Phänomenen.