Von Günter Haaf

Wein aus Oregon? Die Gesichter der Freunde signalisieren heitere Skepsis, so, als hätte ich ihnen erzählt, ich flöge zur Ananasernte nach Alaska. Natürlich half der Hinweis auf rebengünstige Breitengrade und die Nähe Kaliforniens wenig.

Wahrscheinlich klangen auch meine eigenen Zweifel mit. Hatten wir denn im Herbst 1976, bei einer langen Autoreise von Vancouver nach San Francisco, in Oregon irgend etwas von Weinbau gehört oder gesehen? Küste, Wälder, der Nationalpark "Crater Lake" – ein wunderbares Land. Aber Wein, Wein aus Oregon? Oder gar, wie ein bunter Prospekt verkündet, neuerdings auch aus Washington State, dieser nassen Nordwestecke der kontinentalen Vereinigten Staaten? Wir werden ja sehen.

Seattle im Bundesstaat Washington ist so amerikanisch wie Dallas, aber schöner gelegen. "The Emerald City", die smaragdgrüne Stadt, nennt sich die Anderthalb-Millionen-Metropole am Puget Sound: links und rechts Wasser, dahinter ferne Berge, dazwischen grobe Hochhausklötze.

Seattle wird im Osten vom Lake Washington begrenzt, den wir auf einer zwei Kilometer langen Pontonbrücke überqueren. Rechts liegt der Vorort Medina, links Juanita, hinterm Sammamish-Fluß das Chateau Ste. Michelle inmitten eines gepflegten Parks: "a showcase winery", gebaut 1977 im Stil eines französischen Landhauses. In dem Schloß-Verschnitt wird unten harte Public-Relations-Arbeit in Sachen Wein geleistet; oben sitzt die Hauptverwaltung des größten amerikanischen Weinguts außerhalb Kaliforniens; hinterm Haus, in weiten Lagerhallen, reifen in riesigen Fässern Riesling und Chardonnay, Cabernet Sauvignon und Merlot sowie Gewürztraminer heran. Hinter der schönen Fassade und dem schönen Namen verbirgt sich eine Firma, die sich aufs Kauen ganz anderer Genußmittel versteht: United States Tobacco Company, Amerikas führender Hersteller von Kautabak.

Die Herren über eine Jahresproduktion von mehr als einer Million Gallonen Wein verstehen ihr Handwerk. Attraktive junge Damen führen die Besucher herum, junge Damen sind auch für die Weinproduktion zuständig. Cheryl Barber, die dreißigjährige Kellermeisterin am Chateau Ste. Michelle-Hauptsitz in Woodinville, hat Önologie (Weinbaukunde) an der Universität von Kalifornien studiert. Der einzige männliche Mitarbeiter, der uns beim Rundgang zu Gesicht kommt, verkorkt Flaschen.

Weinprobe auf amerikanisch. Am runden, riesigen Probiertisch im Chateau geht es geschäftsmäßig-weihevoll zu. Cheryl Barber und Anne Kirske, die PR-Frau, haben das obere Marktsegment fest im Blick. Hier wird Wein professionell erzeugt und verkauft. Sechzehn Dollar kostet die Flasche "Cabernet Sauvignon 78 Reserve" unten im Laden, immerhin rund fünf Dollar der für Amerikaner fast unaussprechliche "Guh-vertz’trah-mee-ner", wie der würzige Weißwein in der mitgelieferten Aussprache-Anleitung geschrieben wird. Da wollen Mr. Smith und Mrs. Miller schon überzeugt sein, daß sie für ihr Geld mindestens ebensoviel Qualität erwerben wie beim Kauf einer guten Flasche kalifornischen oder gar durch Import und Geschichte geadelten französischen Weins.