In den Börsensälen wächst die Nervosität. Das ist nach den letzten Gipfelstürmer auch nicht verwunderlich. Dennoch fällt es den Börsianern nicht leicht, Kursschwankungen in den sogenannten "schweren" Werten von 50 bis 60 Mark innerhalb einer Börsensitzung als "normal" anzusehen.

Ein Musterbeispiel dafür ist die Daimler-Aktie. Es gibt nicht wenige Banken, die sie auf der jetzigen Basis noch für unterbewertet halten. Dennoch häuften sich in den letzten Tagen kursdrückende Abgaben. Ein großer Teil stammt von solchen Bankkunden, die Daimler-Aktien aus dem Flick-Besitz zum Kurs von 1120 Mark übernommen hatten und jetzt den aufgelaufenen Kursgewinn ungeachtet der steuerlichen Folgen kassieren.

Hohe Kurse scheinen immer mehr Unternehmen zu reizen, Kapitalerhöhungen durchzuführen. Denn so günstig wie augenblicklich ist noch nie Kapital "eingekauft" worden. Nach der Mammutkapitalerhöhung der Deutschen Bank im Dezember vergangenen Jahres, bei der die jungen Aktien 450 Mark je Stück kosteten, meldete jetzt die Commerzbank eine Kapitalaufstockung im Verhältnis 15:2 zu einem Ausgabepreis von 300 Mark an. Vom Kapitalmarkt werden dadurch 900 Millionen Mark abgefordert.

Vorher bittet Bayer seine Aktionäre zur Kasse. Und zwar mit einer Kapitalerhöhung im Verhältnis 14:1 zum Emissionskurs von 240 Mark. Dadurch werden 1,1 Milliarden Mark in die Unternehmenskasse fließen. Die BASF hatte im September 1985 für ihre jungen Aktien "nur" 190 Mark gefordert und dadurch 760 Millionen vereinnahmt. Mit Bezugsrechten wartet im übrigen auch die BHF-Bank auf.

Nun ist es sicherlich nicht so, daß alle genannten Unternehmen plötzlich dringend Kapital benötigen. Sie haben vielmehr die Lehre aus früheren Zeiten gezogen und beschaffen sich nicht erst dann Kapital, wenn es die Bilanzrelationen erfordern, sondern schon, wenn es sich günstig einkaufen läßt.

Die sich abzeichnende Kapitalerhöhungswelle signalisiert gleichzeitig, daß die Vorstände der betreffenden Unternehmen davon ausgehen, daß die Chancen, noch höhere Emissionskurse verlangen zu können, nach mehr als dreieinhalb Jahren Aktienhausse nicht mehr allzugroß sind.

Geld genug für Milliarden-Kapitalaufstockungen ist unzweifelhaft vorhanden. Schließlich hat. die Unterbringung der Daimler-Aktien aus Flick-Besitz nur Stunden gedauert.- und dies obwohl 3,8 Milliarden Mark aufzubringen waren. Von den Banken ist zu hören, daß bei der Bayer-Kapitalerhöhung die Zeichnungsbereitschaft der Aktionäre sehr ausgeprägt ist, vor allem der institutionellen Anleger, die sich bei den Bayer-Aktien eine vergleichsweise günstige Rendite ausrechnen. Im übrigen – so heißt es – seien die Gewinnschätzungen für die Unternehmen der Großchemie für das Geschäftsjahr 1985 sehr vorsichtig fixiert worden, so daß die berechtigte Aussicht auf eine worden, schreibung besteht – trotz des gesunkenen Dollar-Kurses.