Von Anne Linsel

Der Bühnenboden des Wuppertaler Opernhauses steht zentimetertief unter Wasser, das Tanztheater von Pina Bausch hat "Arien", das frühe Stück, wieder aufgenommen. Am Ende des Zweistunden-Spiels im Wasser steht Josephine ("Jo") Ann Endicott auf der Bühne, naß, erschöpft, verausgabt. Blumen fliegen ihr entgegen, sie fängt und sammelt sie auf, sie lächelt, dankt, sie weint, es ist ihre letzte Vorstellung in Wuppertal.

Jo Ann Endicott, seit 1973, also von Anfang an mit Pina Bausch in Wuppertal und zweifellos eine der besten Tänzerinnen des Ensembles, hat vor zwei Wochen das Tanztheater und Deutschland verlassen und ist in ihre Heimat Australien zurückgekehrt.

Es war ein langer Abschied mit mehreren Anläufen. "Jo Ann will gehen", hatte man in der letzten Zeit öfter aus dem Tanztheater gehört. Aber während andere Truppenmitglieder wirklich weggegangen sind, um in Amerika oder Spanien zu tanzen oder eigene Choreographie zu machen, ist Jo Ann nach kurzen Ausflügen zu Heyme und Django Edwards in Stuttgart immer wieder zurückgekehrt. Im vorigen Frühjahr aber wurde es ernst, die Amerika-Tournee wolle sie noch machen und dann das Theater verlassen: "Ich fühle mich wie eine alte Batterie, die leer geworden ist", sagte sie, "ich muß aufhören, ich muß Zeit haben für mich, muß zur Ruhe kommen, mich wiederfinden." Wer Einblick hat in die Arbeit von und mit Pina Bausch, der weiß, wieviel psychische und physische Kraft verbraucht wird mit jedem neuen Stück, wieviel jeder einzelne Tänzer, jede einzelne Tänzerin von sich abgeben muß. Jo Ann hatte Angst, sich ganz zu verlieren. Der Arzt bestätigte ihr, daß ihre Hauterkrankungen Symptom sind für Überarbeitung. Sein Rat: sofort aufhören.

Die Arbeit bei Pina Bausch läuft seit Jahren immer gleich ab. Während der Proben zu einem neuen Stück stellt die Choreographin Fragen, nennt Stichwörter – zum Beispiel "Suchen", "aufeinanderzugehen", "geliebt-werden-wollen", "sich retten" –, zu denen jeder einzelne seine Gedanken und Erinnerungen aus Vergangenheit und Gegenwart vorführt. Das ist eine mühsame und schmerzhafte Selbsterfahrung, es gibt Phasen der Verzweiflung und Enttäuschung. Pina Bausch schaut den einzelnen Tänzern und Tänzerinnen ganz genau zu und schreibt alles auf. Was sie sieht, ist ihr Material für das Stück, das sie am Ende baut, für alle kleinen Geschichten auf der Bühne, die immer neu und anders die gleiche Sache erzählen: vom Zusammenleben von Mann und Frau, ihren gestörten Beziehungen, Einsamkeiten und Hoffnungen, von der Suche nach Zärtlichkeit und Liebe.

Jo Ann Endicott "will diese Fragen nicht mehr, diese ständigen Wiederholungen, ich weiß keine Antworten mehr". Und sie glaubt zu spüren, daß auch Pina Bausch sich einem Endpunkt nähert. Sie habe alles gesagt, alles von sich preisgegeben. Und einmal hat sie es Pina Bausch ins Gesicht geschrien: "Du bist ein Vampir, ich hasse dich, ich gehe weg." – "Es ist ein Teil von meinem Leben, was ich gezeigt habe, ganz persönliche Sachen."

Jo Ann Endicott wurde vor 36 Jahren in Sydney geboren. Ihre Eltern ließen sich scheiden. Als Kind neben zwei starken, sportlichen Brüdern habe sie viel geweint, erinnert sie sich. Mit sieben Jahren nahm sie Ballett-Unterricht, "da hörte das Weinen auf". Eine Ausbildung am Computer brach sie ab, weil sie eine Ballettschule in Melbourne besuchen wollte. Danach wurde sie Mitglied der größten staatlichen Ballett-Truppe, wurde eine talentierte klassische Tänzerin, die nur einen Fehler hatte: Sie aß gern und wurde zu dick. Die Direktorin schlug ihr vor, sie solle sich ihre Zähne ziehen lassen, damit wenigstens ihr Gesicht dünner würde – Jo Ann Endicott floh statt dessen nach London, allein, ohne irgend jemanden in England zu kennen. Sie "wollte irgend etwas machen, nur nicht tanzen". So riß sie im Covent Garden Karten ab, sah dort wieder Ballett und fing erneut mit dem Tanzen an. Beim Training traf sie Pina Bausch. "Eigentlich war es nur ein Blick, da war mir klar: das ist eine ganz tolle Frau, mit der will ich arbeiten." Pina Bausch engagierte Jo Ann auf der Stelle, pummelig wie sie war – eine Tänzerin, die so gar nicht dem asketischen Bild einer Ballerina entsprach. In Wuppertal wurde Jo Ann Endicott sehr schnell eine der wichtigsten Darstellerinnen des Tanztheaters.

Gab es am Anfang große Schwierigkeiten für die klassische Tänzerin mit dem, was Pina Bausch auf der Bühne versuchte? Nein, das war alles spannend und neu, sie selbst und alle anderen Tänzer hätten ja mitgeholfen, dieses Theater aus Tanz, Sprache, Musik, Pantomime zu entwickeln. "Unsere Mitarbeit ist anfangs gar nicht gewürdigt worden, immer hieß es nur Pina Bausch, Pina Bausch." Zuerst gab es noch Stückvorlagen – Brechts "Sieben Todsünden" etwa oder Strawinskys "Le sacre du printemps" – dann nur noch freie Assoziation, all jene Stücke mit den aggressiven und stillen, heiteren und traurigen, fliegenden, immer offenen und mehrdeutigen Bildern, die in ihrer Radikalität lange Zeit auf viele Besucher des Wuppertaler Opernhauses so schockierend gewirkt haben, daß sie mitten im Stück türknallend das Theater verließen. "Wir haben auch Drohungen erhalten, böse Briefe und Telephonate." Heute ist das anders, der Weltruhm der Bausch-Truppe hat alle Buh-Rufer stumm gemacht. Im Wuppertaler Opernhaus wird nur noch gejubelt. "Obwohl die Wiederaufnahmen alter Stücke – oftmals mit neuer Besetzung – gar nicht so gut sind", sagt Jo Ann und meint das Schwinden jener archaischen Kraft, die vor Jahren so faszinierte.

Da gibt es über die lange Zeit von zwölf Jahren viele Bühnen-Bilder mit Josephine Ann Endicott, die unvergessen bleiben. "Komm tanz mit mir", ruft, bettelt, schreit sie im gleichnamigen Stück dem Mann zu, rennt und rast über die Bühne, neben und hinter ihm her, wütend und verzweifelt, frech und trotzig, stampft mit den Füßen, triumphiert kurz auf, um dann doch am Ende den Geschlechterkampf zu verlieren. Oder sie ruft mit ihrer hellen, hohen Stimme, hinten auf der "Kontakthof"-Bühne sitzend, das Wort "Liebling", minutenlang, schmeichelnd und fordernd, schrill und leise, langsam und schnell, verschiedene Silben betonend, bis das vergebliche Rufen in Schluchzen übergeht.

Oder in "Arien": Frauen, auf Stühlen sitzend, werden wie Puppen von Männern angezogen, mit immer mehr Kleidern, Tüchern, Bändern und aberwitzigen Requisiten überstülpt, geschminkt, zurechtgezupft, verunstaltet – eine groteske Verkleidungsorgie. Jo Ann sitzt am Ende da als Braut mit rosa Schleier und Schleifen, eine Banane in der Hand, ein Opferlamm und Objekt von Männerphantasien, ein todtrauriges Bild.

Jo Ann auf der Bühne ist Trauer und Komik, Aggressivität und Sanftheit, Lachen und weinen, Schreien und Hysterischsein – keiner ist so gut wie sie. Keine kann so tanzen, ihre kleinen, zarten, schwingenden Bewegungen vor allem, aber auch ihre wilden Gesten sind unverwechselbar. Es ist unverständlich, daß nicht mehr namhafte deutsche Regisseure mit diesem Temperament- und Talentbündel gearbeitet haben.

Im letzten Bausch-Stück, "Two cigarettes in the dark", hat Jo Ann ein rührendes Selbstbildnis, eine Abschiedsszene erfunden: Vorn am Bühnenrand stapelt sie Schuhe und ordnet sie nebeneinander in eine lange Reihe, Babyschuhe, Kleinkindschuhe, Halbschuhe, Stiefel, Tanzschuhe. Am Ende zieht sie ihre eigenen Schuhe aus und stellt sie und sich mit in die Reihe, selbstbewußt und zerbrechlich, eine schmalgewordene junge Frau ohne Baby- oder Kummerspeck, die so oft das "Geliebt-werden-Wollen" auf der Bühne variiert hat und nichts sehnlicher wünscht, als selbst von allen geliebt zu werden.

Im vorigen Frühjahr, als sie ihren Abschied angekündigt hatte, war sie sich der Zuneigung Pina Bauschs keineswegs mehr so sicher. Pina Bausch, der sich die Tänzer und Tänzerinnen während der Arbeit so ausliefern und ihr dadurch Macht verleihen, kann, so hörte man öfter aus der Truppe, wie eine Mutter bestrafen: mit Liebesentzug, mit Nichtbeachtung. Kurze Zeit hat auch To Ann das so empfunden, "Aber ich weiß, daß die Loslösung richtig und wichtig ist", sagt sie. "Rettungsversuche", ein Stichwort aus vielen Stücken, hat sie oft auf der Bühne vorgeführt. Für sie hieß dieses Mal "sich retten", abreisen,

Kurz vor ihrem Abflug erzählte sie mir, Pina Bausch habe ihr gesagt, daß sie sie sehr lieb hat. Sie könne jederzeit zu ihr zurückkommen. "Wenn die Zeit kommt, kehre ich zurück, wenn nicht, bleibe ich da." Zuerst will sie sich in Australien ein Häuschen suchen, wo sie mit ihrer fünfjährigen Tochter Claire wohnen wird, dann würde sie gern ein Buch schreiben über die Arbeit mit Pina Bausch, "mit Bildern nur von mir". Und sie will sich auf die Geburt ihres zweiten Kindes im Sommer vorbereiten.

Fällt ihr der endgültige Abschied sehr schwer? "Nicht von der Arbeit, aber von Pina. Es war und ist etwas Besonderes zwischen uns", sie lacht: "Es ist schon alles sehr schizophren."