Von Christian Schmidt-Häuer

Schon kurz nach seinem Machtantritt im März 1985 traf Michail Gorbatschow eine symbolträchtige Wahl. Er legte die Eröffnung des 27. Parteitages der KPdSU auf den 25. Februar 1986. Die Entscheidung fand im Westen geringere Beachtung, als sie verdiente. Denn das Datum wirkte wie die neue Inschrift auf einem verwitterten Markstein der Nachkriegsgeschichte. Ein historischer Tag im Leben der Sowjetbürger, ein Tag wie jeder andere für die zum Verschweigen angehaltenen Sowjethistoriker wurde wieder in die Erinnerung gehoben.

Am 25. Februar 1956 hatte Nikita Chruschtschow vor den 1436 Delegierten des 20. Parteitages Stalins Verbrechen aufgedeckt. Es waren vier Stunden, die die kommunistische Weltbewegung erschütterten. Und in deren Namen erstickte die Sowjetbürokratie schließlich auch diesen ersten, impulsiven Versuch einer Vergangenheitsbewältigung, ohne die es "keinen Zugang zu den Problemen der Zukunft geben kann (George F. Kennan). Stalins Massenterror war gebannt. Aber vor Chruschtschows Enthüllungen "Über den Personenkult und seine Folgen" – so lautete damals der Titel des Geheimreferats – blieb nur das Wort "Personenkult", mit dem die "Folgen" verschämt bemäntelt wurden.

Die neue Kremlführung unter Gorbatschow wählte den 30. Jahrestag der ersten Abkehr von Stalin demonstrativ für ihren Kongreß, den sie seither wie eine historische Wende vorbereitet. Und in der Tat ist die von Gorbatschow angestrebte Modernisierung und Umgestaltung der sowjetischen Wirtschaft und Gesellschaft zugleich der zweite Versuch einer Entstalinisierung. Chruschtschow hatte Stalins Schatten spontan, individuell und personell bekämpft. Gorbatschow versucht dreißig Jahre später, Stalins zentralistisches Erbe konzeptionell und strukturell zu überwinden.

So auffallend die Unterschiede zwischen den beiden redefreudigen und ungeduldigen Südrussen auch sind – bauernschlau und prahlerisch, warmherzig und jähzornig, schulterklopfend und fäusteballend agierte der eine; "lächelnd und eisern", entschieden und zielstrebig, beherrscht und herrscherlich (zumindest für Sowjetbürger) tritt der andere auf –, so vergleichbar sind doch ihre Ausgangspunkte. Chruschtschow zog gegen den Terror zu Felde, der das Leben aller bedrohte. Gorbatschow führt eine Kampagne gegen die Selbstzerstörung der Sowjetgesellschaft durch Korruption und Trunksucht. Chruschtschow versuchte, mit der Anklage gegen den Terror zugleich auch Stalins Mitstreiter Molotow, Kaganowitsch, Woroschilow, Malenkow auszuschalten und dem System der bürokratischen Verwaltung eine größere Gesetzlichkeit aufzuzwingen. Gorbatschows Feldzug gegen die Korruption folgt ähnlichen Geboten einer historischen Stunde. Die Kampagne zielte zunächst darauf, den Generationswechsel gegen Breschnjews Gerontokratie durchzusetzen; sie soll aber darüber hinaus die sowjetische Bürokratie den Gesetzen einer Leistungsgesellschaft unterwerfen.

Was sich in Chruschtschow aufgelehnt hatte, waren Optimismus und utopischer Gerechtigkeitssinn des lokalen Parteiführers aus den zwanziger Jahren. Was Gorbatschow leitet, sind nicht zuletzt die praktischen Erkenntnisse eines lokalen Komsomol- und Parteiführers in den fünfziger und sechziger Jahren. Diese Erfahrungen ließen sich mit Chruschtschows Enthüllungen vereinbaren, aber nicht mit seinen Verheißungen (wie dem jetzt erneuerten Parteiprogramm von 1961). Und sie ließen Breschnjews stagnierende Machtkonservierung am Ende als Bedrohung erscheinen – nicht mehr für die persönliche Existenz, wohl aber für die kommunale, regionale und internationale Funktionsfähigkeit des Sowjetsystems.

Chruschtschow wollte aus dem Impuls heraus das Schicksal wenden, mit Experimenten das Glück zwingen. Gorbatschow versucht, aus der Erfahrung die Zukunft zu gestalten. Chruschtschow prahlte in bäuerlich-bukolischem Russenkittel mit den Klassikern des Kommunismus, aber das klang oft wie ein Pfeifen im dunklen Wald. Gorbatschow gibt sich als besorgter Staatsmann, der mehr für eine weltweite Partnerschaft als für die Weltrevolution wirbt. Legitimation und Kontinuität seines Modernisierungskonzeptes leitet er vom späten Lenin her, vom Realpolitiker Lenin.