An der Stilfserjoch-Straße, hinter der Haarnadelkurve Nummer 46, ist Gustav Thöni daheim, der Ski-Champion der siebziger Jahre. Sonderbare Fügung, daß der Meister im Schwüngeziehen ausgerechnet in der Nähe einer Straßenschleife aufgewachsen ist, einer von insgesamt 82 Windungen der 49 Kilometer langen Hochgebirgsstrecke zwischen dem Vintschgauer Dorf Spondinig und Bormio im lombardischen Veltlin. Trafoi heißt das Dorf mit der bekannten Spitzkehre, es ist das letzte auf dem Südtiroler Abschnitt der 160 Jahre alten Paßstraße, die sich am Ortlermassiv entlangschlängelt.

Slalom und Riesenslalom waren stets Gustav Thönis stärkste Disziplinen. Viermal hat er den Alpinen Weltpokal gewonnen, zweimal, 1972 und 1976, brachte er olympische Medaillen mit nach Hause, bei den Ski-Weltmeisterschaften 1974 siegte er im Slalom und im Riesentorlauf.

Gustav Thönis Heimathaus, der Gasthof seiner Eltern, heißt "Schöne Aussicht". Der Name ist Untertreibung. Denn dem Dorf Trafoi gegenüber erhebt sich Südtirols mächtigstes Gebirgsmassiv, die Ortlergruppe. Die Geisterspitze und die drei Zacken des Madatsch, die Trafoier Eiswand und die Thurwieser Spitze reihen sich da zu einem weit über 3000 Meter hohen Halbrund aus zerklüfteten Felsen, aus schillernden Eiswänden und ewigem Schnee. Der 3902 Meter hohe Ortler führt die Gletscherkette an, ein Riese von fast schon furchteinflößender Wildheit und Unzugänglichkeit.

Als introvertiert, verschlossen und wortkarg haben Sportreporter und Skifans den Gustav Thöni erlebt. Niemals hat er Indianertänze auf dem Siegerpodest vollführt, selten hat er sich mehr als ein lapidares "Es ist halt gut gelaufen" als Kommentar zu seinen Triumphen abgerungen. Scharen von Interviewern haben ob solcher Einsilbigkeit die Hände gerungen. Genützt hat das gar nichts: Einer, der aus einer Landschaft kommt, wo sich die Häuser wie Baukasten-Klötzchen ausnehmen und die Leute wie Ameisen, eignet sich eben nicht unbedingt zum strahlenden Helden, der sein Publikum mit geschliffenen Statements unterhält.

"Am liebsten", erinnert sich Gustav Thöni, "bin ich in Amerika und in Japan Rennen gefahren, dort haben die Leute nicht solch einen Rummel gemacht." Der in sich gekehrte Champion fand früher nur in der Ferne sein Kostbarstes, seine Ruh’. Zuhause konnte er sich in seinen Erfolgsjahren der Verehrer, der Reporter kaum erwehren – schließlich war er der erste Pisten-Star, den das Skiland Südtirol hervorgebracht hatte. Gefeiert wurde "der Gustl" denn auch von allen Seiten – von den zuvor dem Skisport eher indifferent gesonnenen Italienern, von den Österreichern, die ja bekanntlich die deutschsprachigen Südtiroler noch immer ein bißchen zu den Ihren zählen; von den Einheimischen sowieso.

In deren Mitte kann Gustav Thöni heute wieder so leben, wie er es am liebsten mag, friedlich und ungestört. Der Trubel hat schnell nachgelassen, als er Ende der siebziger Jahre aus dem Skizirkus ausgestiegen ist; am Himmel der Alpinen glänzte damals schon ein neuer Stern, Ingemar Stenmark. Hat der Gustav gelitten, als er merkte, daß seine Zeit vorüber war? Über die Gefühlswelt des Ex-Champions lassen sich nur Mutmaßungen anstellen. Nach außen wendet er nur Glattes, Unproblematisches – und das zurückhaltend wie eh und je. "Ganz normal", meint der Gustav, hätte er den Rückzug aus dem Skigeschäft bewältigt. Völlig entfernt davon hat er sich ohnehin nicht. Er hilft mit beim Training der italienischen National-Herrenmannschaft, er wirbt für Sportartikel, ist Miteigentümer des Hotels "Thöni 3000" im Gletscherskigebiet am Stilfserjoch und betreibt dort obendrein noch eine Sommerskischule. "Irgendwie werde ich beruflich wohl immer mit dem Skifahren zu tun haben", sinniert der Weltmeister von einst.

Das Schwelgen in Erinnerungen liegt ihm fern Nicht einmal seine Medaillen und Pokale hat er mitgenommen, als er nach seiner Heirat von Trafoi ein paar Kilometer talauswärts, in das Dorf Prad, umgezogen ist. In dem rustikalen Tiroler Haus am Ortsrand, das Thöni mit seiner Frau und seinen drei Töchtern bewohnt, erinnern nur die vier gläsernen Weltcups an die Rennläufer-Vergangenheit. "Alles andere ist in der "Schönen Aussicht’ in Trafoi zu besichtigen", bemerkt der Gustav so nebenbei.