Marion Gräfin Dönhoff: Im Jahr 1947 füllten Schaubilder über die Produktionsleistung der Gebiete östlich von Oder und Neisse die ersten zwei Seiten der ZEIT. Uns alle bewegte damals die Frage, wie nach dem Verlust dieser Gebiete das restliche Deutschland, das damals noch nicht geteilt war, ernährt werden sollte. Die Untersuchung, aus der die Schaubilder stammten, kam zu dem Ergebnis, daß es vollkommen ausgeschlossen ist, das restliche Deutschland ohne jene Überschußgebiete, also ohne die "Kornkammern" zu ernähren. 25 Jahre später, 1970, hatten wir die Selbstversorgung in Milch und Butter erreicht, noch einmal sieben Jahre später in Getreide und Fleisch. Heute, 1985, ist die Bundesrepublik – die Ausfuhr in die EG mitgerechnet – der viertgrößte Agrarexporteur der Welt.

Möglich wurde dies alles aus Angst vor dem Mangel: Alle Kraft wurde auf immer mehr Produktion ausgerichtet; Hilfsmittel waren: der hohe Preis als Steuerungsfaktor, der technische Fortschritt bei den landwirtschaftlichen Geräten und die Entwicklung in der Chemie mit Pestiziden und künstlichem Dünger. Nun haben wir eine unverwertbare Überproduktion, verkaufen der Sowjetunion Butter für 66 Pfennig das halbe Pfund (wofür man im Laden 2,70 DM bezahlt) und bieten ihr Rindfleisch für 1,30 DM je Kilogramm an, das von den staatlichen Vorratsstellen für acht Mark aufgekauft worden ist. Eingelagert sind 1,1 Millionen Tonnen Butter, davon 450 000 Tonnen älter als 18 Monate, eine halbe Million Tonnen Milchpulver, fast 20 Millionen Tonnen Getreide, 800 000 Tonnen Rindfleisch; die Lagerkosten betragen allein bei der Butter drei Millionen Mark pro Tag.

Während die Preise für Agrarprodukte durch die Brüsseler Marktordnung weit über den Weltmarkt gesteigert wurden, sind die Kosten der Bauern noch stärker gestiegen. Professor Priebe stellt in seinem Buch "Die subventionierte Unvernunft" fest, daß nur 20 Prozent der Preisstützungskosten beim Bauern ankommen; der Rest wird benötigt, um die Einlagerung zu bezahlen und mit den Überschüssen fertig zu werden, das heißt: sie mit Verlust zu exportieren.

Was ist nötig, um die eingetretene Fehlentwicklung zu korrigieren? Mehr Markt oder mehr Staat? Wollen wir wenige modernste Großbetriebe zur Versorgung oder soll die bäuerliche Struktur erhalten bleiben?

Ralf Dahrendorf: Das Schwierige an dieser Debatte ist, daß es dabei immer gleichzeitig um Agrarpolitik und um Europa geht. Dennoch sollten wir zunächst die Frage anpacken: Welche Agrarstruktur soll anvisiert werden? Wo soll sie hinführen?

Franciscus Andriessen: Wir haben versucht in unserem "Grünbuch" eine Analyse der heutigen Situation zu geben. Was die Frage der Agrarstruktur angeht, halte ich ein Konzept, das auf wenige, intensiv bewirtschaftete Großbetriebe abzielt, die sich auf die Deckung des heimischen Bedarfs beschränken, für keine ernsthafte Alternative. Wir müssen den "bäuerlichen Familienbetrieb", also die heutige Struktur, erhalten. Aber ein solcher Betrieb sieht in Griechenland ganz anders aus als in der Bundesrepublik, in Portugal oder in Süditalien. Für den Familienbetrieb muß deshalb im nationalen und sogar im regionalen Rahmen eine Definition versucht werden.

Hermann Priebe: Die modernen Produktionsmethoden, von denen Gräfin Dönhoff gesprochen hat, haben uns nicht nur diese wahnsinnige Produktionssteigerung gebracht. Sie haben gleichzeitig zu Belastungen des Naturhaushaltes und damit der Produktionsgrundlagen unserer Landwirtschaft geführt. Infolgedessen sollten wir bei allen Überlegungen die Frage einbeziehen, wie wir zu einer Struktur kommen, die sowohl den Markt als auch den Naturhaushalt im Gleichgewicht hält. Der bäuerliche Bereich muß nicht nur von der sozialen, sondern auch von der ökologischen Seite her betrachtet werden: Leitbild muß der bäuerliche Familienbetrieb mit bodenschonender Produktion sein.