Von Volker Braun

Wovon man spricht, das hat man nicht, sagte Novalis. Wovon spricht die Literatur seit alters, aber vernehmlicher nun, was meint sie mit ihren bitteren oder sehnsüchtigen Texten, ihren Maskeraden und Greuelmärchen?

Sie erzählt es uns ja nicht ins Gesicht. Wir lesen von der Pein des Chauffeurs Xaver Zürn, der im Mercedes mit sich selber spricht im Kopf: weil nur der Chef das Sagen hat. Einsame „Seelenarbeit“, die den Leib zerreißt. Oder wir lesen von der Lust zweier anderer, sich im Tatra oder Wolga mit Sätzen entgegenzukommen: mit denen sie sich doch in ihre Rollen verweisen, in dem Dienstfahrzeug. Auch sie, die miteinander reden, reden noch um ihr Leben.

Solche Fahrzeuge sind ironische Modelle der Sozietät, auf deren Wegen sie kurven, auffällige Vehikel, privat die einen und volkseigen die andern, glänzend oder schrottreif oder auf Probefahrt. Und es sind, man merkt es, Nachfahren älterer Baureihen, und unter dem Lack funktioniert vielleicht noch die stumpfe Mechanik der Vorzeit. So rasch sind die neuen Zeiten nie erfunden; die Eisenbahn übernahm die Spurweite der Postkutsche, wie die Kutsche die Peitsche der Fuhrwerke beibehielt.

Es mochten der Literatur auch Pferde genügen, auf denen der eine mit dem anderen ritt, bis in Hegels „Phänomenologie“, den radikalen Sprengstoff unter dem Sattel. (Seine Hörer folgten womöglich schon in der „Ich-lasse-mich-nicht-kommandieren“-Stimmung künftiger sozialistischer Literatur.) Dem unverkappten Bourgeois sekundierte ein Teufel auf der Bühne, der sich in die Arbeit mischt, solange der eine zehn Pferde zahlen kann und deren Kräfte die seinen sind: Kunst faßte das widersprüchliche Wesen kapitalistischen Fortschritts metaphorisch, ehe Wissenschaft es erklären konnte. Das Vorgefühl Fausts: wovon man spricht, das hat man nicht.

Denn noch muß die Hütte von Philemon und Baucis dem Bankhochhaus weichen. Herrschaft und Knechtung in der arbeitsteiligen Produktion: um die Karre auf den Begriff zu bringen, durch die Schöpferkraft unzähliger Generationen entwickelt, mit immer besseren Antrieben versehen und komfortableren Sesseln. Niederträchtigere Technik raffinierterer Ausbeutung. Und der Kampf der Gegner in der großen Maschine, der ebenso alte wahnwitzige Klassenkampf, der zweite Beruf, der zum ersten dazugelernt wurde oder verlernt, das andere Leben, weil man das eigentliche nicht hat. Es sei denn, man stieg aus und wartete unter Becketts kostbarem Bäumchen auf den Messias, den wahren Leser.

Wo die Herren enteignet sind und gleiche Leute nun vor der alten Chaise stehn, sehn sie sich von ihren ungleichen Tätigkeiten auseinanderdividiert, in der immer noch benutzten, noch immer tauglichen Industrie. Sie finden sich in alte Funktionen gepreßt oder drängen sich gar hinein, wie in die neuen. Offensichtlich muß das Gefährt neu konstruiert werden, nach einem anderen Prinzip, das nicht die Einen und die Anderen braucht sondern die solidarische Mannschaft. Ein Umbau: während der Fahrt, auf offener Straße, im Verkehr der Welt. Ohne das Tempo zu vermindern – oder müssen sie es?, belächelt, gejagt, gezwungen, den Wagen zu panzern bis zur Unkenntlichkeit. So daß sie sich mitunter selbst nicht kennen und das berühmte Ziel: alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist. Davon spricht, das meint die Literatur.