Nur auf großen Jahrmärkten kann die Branche noch Geld verdienen

Die Kabine des Cyclon SR 2 hat keine Fenster, es ist dunkel. Man sitzt bequem in einem Sessel, ein Sicherheitsgurt liegt über dem Becken. Vorne, an der Stirnseite der Kabine, läuft ein Film an; gezeigt wird die spektakuläre Fahrt auf einer Achterbahn aus der Sicht des Passagiers. Die Gondel, so ist zu sehen und zu hören, rumpelt langsam einen steilen Anstieg hinauf, kippt auf der Kuppe plötzlich nach vorne, rast ins Tal hinunter, legt sich abrupt in eine Steilkurve. Der Magen wird flau, die Hände umklammern die Armlehnen etwas fester. Denn die Illusion, selbst mitzufahren, ist perfekt, weil die Kabine über ein kompliziertes Hydrauliksystem jede Bewegung der Gondel simuliert.

Die Kirmesschausteller wollen das Publikum jedes Jahr mit neuen Attraktionen auf die Jahrmärkte locken. 1986 soll unter anderem der Achterbahnsimulator Cyclon SR 2 die Kassen klingeln lassen. Allerdings ist das Vertrauen der Branche in Neuentwicklungen nicht mehr so groß wie früher. Zweifel machen sich breit, ob das lang gepflegte Rezept „schneller – höher – spektakulärer“ noch richtig ist.

Im letzten Jahr meldeten viele der 8400 Volksfeste in der Bundesrepublik gestiegene Besucherzahlen. Doch das hatte für die Schausteller nicht viel Wert. Denn viele Besucher lösten keine Fahrkarten und kauften weder Zuckerwatte noch Lose; sie schauten sich den Rummel einfach nur an. So bestätigte sich die allgemeine Konsumzurückhaltung des letzten Jahres auch auf den Jahrmärkten.

1984 setzten die Schausteller rund 1,4 Milliarden Mark um. Wenn die Bücher des letzten Jahres ausgewertet sind, wird sich nach der Einschätzung des Deutschen Schaustellerbundes (DSB) mit Sicherheit keine höhere Zahl ergeben. Eher dürften es einige Prozent weniger sein.

Eberhard Kuehnle, mit seiner rollenden Pizzabude 180 Tage im Jahr unterwegs, hat von Jahrmarkt zu Jahrmarkt je nach Größe und Standort eine unterschiedliche Konsumbereitschaft des Publikums ausgemacht. Auf dem Münchener Oktoberfest, der Oranger Kirmes oder dem Bremer Freimarkt habe den Besuchern das Geld recht locker in der Tasche gesessen. Auf den vielen kleinen Jahrmärkten, vor allem in der Stadt, sei das Geschäft dagegen sehr schlecht gelaufen. Der DSB bestätigt Kuehnles Erfahrungen für die gesamte Branche.

Da auf den großen Volksfesten fast in jedem Jahr gut verdient wird, stehen durchschnittlich vier Bewerber für einen Standplatz an. Wer nicht zum Zuge kommt, muß über die kleinen Plätze tingeln, die schon deshalb nicht so attraktiv sind, weil sie sich gegenseitig Konkurrenz machen. In Essen zum Beispiel gibt es jährlich rund 130 Kirmesveranstaltungen.