Von Joachim Riedl

Zentralarchiv für Völkerkunde, im Januar An die Historische Kommission.

Sehr geehrtes Kollegium, es ist uns endlich gelungen, einen großen Teil unserer seltsamen Entdeckung zu enträtseln. Wie wir Ihnen bereits in einem früheren Bericht mitgeteilt hatten, sind wir in einem stillgelegten Trakt unseres Archivs durch Zufall auf ein Konvolut zunächst unerklärlicher Dokumente gestoßen. Es handelt sich hierbei um bunte, üppig illustrierte Blätter, von denen wir annehmen, daß sie sich einige Zeit einer gewissen Beliebtheit erfreuten. Sie verwöhnten ihr Publikum mit verwegenen oder schrillen optischen Reizen und quälten es mit aufdringlichem, lärmendem Vokabular.

Um die Jahreswende 1985/86 entbrannte zwischen den Städten Hamburg und Wien ein Streit um den rechtmäßigen Besitz des Phänomens „Zeitgeist“. An beiden Orten wurde das exklusive Vorrecht auf publizierte Moden beansprucht. Der Wiener, eines unserer Fundstücke, scheint einige Jahre Vorsprung gehabt zu haben. Ein Hamburger Tempo machte jedoch im Januar 1986 seinem Vorläufer den „Zeitgeist“ streitig und dürfte mit einigem Erfolg das österreichische Vorbild kopiert haben. In beiden Fällen handelte es sich um eine kleine Gruppe „sensibler Trendbeobachter“ (Tempo), die bemüht war, den Ton anzugeben. Zunächst also beobachteten sie den Trend des „Zeitgeistes“ in Wien, und als sich in dieser Stadt herausgestellt hatte, daß „die Krise ein Paßwort zum Verständnis des kollektiven Seelenhaushaltes“ geworden war, spaltete sich die Gruppe und exportierte ihr Gedankengut. Dabei kam es zu unvermeidlichen Zwistigkeiten, die nicht mehr beigelegt werden konnten. Beide Teile beharrten beigelegt auf ihrer spezifischen Interpretation des Geistes, der ihre Zeit ausmachen sollte, obwohl die Geistes, gen Auslegungen unterschiedslos und von ein- und demselben Bazillus infiziert worden waren. Mit Recht bezeichnen wir daher heute die „Zeitgeist“-Epidemie, die in diesen Tagen grassierte, ab die sogenannte Wiener Krankheit, über deren Symptome uns nun die aufgefundenen Dokumente näheren Aufschluß geben.

Was bewegte die Menschen dieser Zeit? Welche Ängste hatten sie? Und welche Hoffnungen? Aus anderen Quellen wissen wir, daß Kriege und Krisen dieses Zeitalter schüttelten, daß Hungerkatastrophen wüteten und mächtige, globale Waffensysteme den Untergang der Welt befürchten ließen. Häufig fanden wir auch Hinweise auf Arbeitslosigkeit, Korruption oder den Mißbrauch der Macht.

Die Dokumente, die wir nun gefunden haben, erzählen uns sehr wenig von all dem. Vielmehr dürfte die Wiener Krankheit ihren Opfern mit süßlichen Sekreten Augen und Ohren verklebt und ihr Wesen nachhaltig beeinflußt haben. Als sich die Epidemie bis nach Hamburg ausgebreitet hatte, stellte ein „Psychotest“ (in Tempo) bereits die bange Frage: „Sind Sie ein Schwein?“

Jedoch – zumindest zufolge unserer Dokumente – weit eher „im Trend“ lagen damals die „Geilen Prinzen“. „Verschärfter Müßiggang, Kultivierung der Langeweile, Stilbewußtsein – sie hatten alles, wovon der Zeitgeist faselt“, heißt es an einer Stelle: „Nehmen wir es uns.“ Wir fanden aber auch einen weiteren zeitgeschichtlichen Hinweis, demzufolge Stadtguerilla und Staat das „verrückteste Liebespaar“ des vorangegangenen Jahrzehnts gewesen sein sollen.