Eine Chronique scandaleuse mit offenem Ausgang

Von Michael Sontheimer

Na wunderbar! Jetzt hat der gute Diepgen och noch Geld jenommen.“ Der Verkäufer in der Currywurstbude ist nicht der einzige, der sich in diesen Tagen über Sitten und Gebräuche Berliner Christdemokraten nur noch wundern kann. West-Berlin erlebt in diesem Winter die Aufdeckung des größten politischen Skandals seit dem Krieg.

Es geht um versuchten Mord, Prostitution, Steuerhinterziehung, Brandstiftung, Versicherungsbetrug, Erpressung und vor allem um Korruption. Die Staatsanwaltschaft und eine Sonderkommission der Kripo ermitteln gegen dreißig Beschuldigte, und bei dreißig wird es nicht bleiben. Gegen rund ein Drittel der Beschuldigten wurden Haftbefehle erlassen: Bezirksbürgermeister, Baustadträte, Bauunternehmer, Architekten, Rechtsanwälte, Steuerberater, Bordellbesitzer. Überdurchschnittlich viele CDU-Mitglieder sind dabei. Es ist ein bunter Querschnitt durch die betuchte Gesellschaft der Stadt. Zwei Eigenheiten haben fast alle Beschuldigten gemein: verkommene Moral und ausgeprägten Erwerbstrieb.

Seit drei Monaten macht der „Fall Antes“ Schlagzeilen. Am 4. November wurde der ehemalige Charlottenburger Baustadtrat und CDU-Kreisverbandsvorsitzende Wolfgang Antes in Untersuchungshaft genommen. Drei verschiedene Haftbefehle wurden gegen ihn erlassen. Ihm wird vorgeworfen, Schmiergelder in der Höhe von fast einer Million Mark von Berliner Baulöwen kassiert zu haben. Mit seiner Verhaftung wurde eine Lawine losgetreten. Wen sie noch mitreißen wird und wann sie zum Stehen kommt, ist nicht abzusehen. Beinahe täglich und oft zufällig stoßen die Ermittler auf neue Straftaten. Mittlerweile sind die Spitzen der Berliner CDU in die Affäre verwickelt.

Daß Bestechung und Betrug in der Bauwirtschaft zum üblichen Geschäftsgebaren gehören, ist nichts Neues. Neu hingegen ist beim Fall Antes, daß das Netz illegaler Geschäfte, das jede Großstadt überzieht, in Berlin so weit aufgerollt werden konnte.

Noch Ende November hatte der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen auf dem CDU-Landesparteitag bekannt: „Ich habe Angst vor denen, die ihre Pöstchen ausnutzen.“ Nachdem vorige Woche Kurt Franke, einer der erfolgreichsten Bauunternehmer der Stadt, verhaftet wurde, mußte auch Diepgen beichten, daß er persönlich von Kurt Franke dubiose Parteispenden von mindestens 50 000 Mark entgegengenommen hatte. Der CDU-Schatzmeister Jürgen wohlrabe gestand außerdem, seine Partei habe in den vergangenen sechs Jahren insgesamt 228 100 Mark von Franke einkassiert, ohne diese Einnahmen öffentlich zu deklarieren. Welche Beträge darüber hinaus in die eigenen Taschen geflossen sind, ist noch nicht bekannt. Der Bauunternehmer Franke hat ebenso – wenn auch mit geringeren Beträgen – die SPD und die FDP alimentiert. Seine Freigiebigkeit ähnelt der politischen Landschaftspflege des Hauses Flick.