Eine Chronique scandaleuse mit offenem Ausgang

Von Michael Sontheimer

Na wunderbar! Jetzt hat der gute Diepgen och noch Geld jenommen." Der Verkäufer in der Currywurstbude ist nicht der einzige, der sich in diesen Tagen über Sitten und Gebräuche Berliner Christdemokraten nur noch wundern kann. West-Berlin erlebt in diesem Winter die Aufdeckung des größten politischen Skandals seit dem Krieg.

Es geht um versuchten Mord, Prostitution, Steuerhinterziehung, Brandstiftung, Versicherungsbetrug, Erpressung und vor allem um Korruption. Die Staatsanwaltschaft und eine Sonderkommission der Kripo ermitteln gegen dreißig Beschuldigte, und bei dreißig wird es nicht bleiben. Gegen rund ein Drittel der Beschuldigten wurden Haftbefehle erlassen: Bezirksbürgermeister, Baustadträte, Bauunternehmer, Architekten, Rechtsanwälte, Steuerberater, Bordellbesitzer. Überdurchschnittlich viele CDU-Mitglieder sind dabei. Es ist ein bunter Querschnitt durch die betuchte Gesellschaft der Stadt. Zwei Eigenheiten haben fast alle Beschuldigten gemein: verkommene Moral und ausgeprägten Erwerbstrieb.

Seit drei Monaten macht der "Fall Antes" Schlagzeilen. Am 4. November wurde der ehemalige Charlottenburger Baustadtrat und CDU-Kreisverbandsvorsitzende Wolfgang Antes in Untersuchungshaft genommen. Drei verschiedene Haftbefehle wurden gegen ihn erlassen. Ihm wird vorgeworfen, Schmiergelder in der Höhe von fast einer Million Mark von Berliner Baulöwen kassiert zu haben. Mit seiner Verhaftung wurde eine Lawine losgetreten. Wen sie noch mitreißen wird und wann sie zum Stehen kommt, ist nicht abzusehen. Beinahe täglich und oft zufällig stoßen die Ermittler auf neue Straftaten. Mittlerweile sind die Spitzen der Berliner CDU in die Affäre verwickelt.

Daß Bestechung und Betrug in der Bauwirtschaft zum üblichen Geschäftsgebaren gehören, ist nichts Neues. Neu hingegen ist beim Fall Antes, daß das Netz illegaler Geschäfte, das jede Großstadt überzieht, in Berlin so weit aufgerollt werden konnte.

Noch Ende November hatte der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen auf dem CDU-Landesparteitag bekannt: "Ich habe Angst vor denen, die ihre Pöstchen ausnutzen." Nachdem vorige Woche Kurt Franke, einer der erfolgreichsten Bauunternehmer der Stadt, verhaftet wurde, mußte auch Diepgen beichten, daß er persönlich von Kurt Franke dubiose Parteispenden von mindestens 50 000 Mark entgegengenommen hatte. Der CDU-Schatzmeister Jürgen wohlrabe gestand außerdem, seine Partei habe in den vergangenen sechs Jahren insgesamt 228 100 Mark von Franke einkassiert, ohne diese Einnahmen öffentlich zu deklarieren. Welche Beträge darüber hinaus in die eigenen Taschen geflossen sind, ist noch nicht bekannt. Der Bauunternehmer Franke hat ebenso – wenn auch mit geringeren Beträgen – die SPD und die FDP alimentiert. Seine Freigiebigkeit ähnelt der politischen Landschaftspflege des Hauses Flick.

Während Eberhard Diepgen immer noch von "Verfehlungen einzelner" spricht, werden in den Redaktionsstuben der Zeitungen bereits Wetten abgeschlossen, ob sein Senat den Fall politisch überleben kann. Wenn allerdings die Presse, wie zum Beispiel der Spiegel, dem Fall Antes das abgegriffene Etikett "schwarzer Filz" aufdrückt, verharmlost sie den Skandal. Hier ist eine kriminelle Vereinigung aufgeflogen.

Filz, das ist ein ursprünglich christdemokratischer Kampfbegriff, den der heutige Berliner Innensenator Heinrich Lummer in den siebziger Jahren in der Opposition geprägt hat. Er meinte die sozialdemokratischen Usancen, auch noch dem letzten Versager ein Pöstchen zuzuschieben, solange er nur Parteigenosse war. Filz ist jene amoralische, aber legale Verquickung von Politik und Geschäft, wie sie der Rechtsanwalt und CDU-Generalsekretär Klaus Landowsky derzeit am eindrucksvollsten vorexerziert. Landowsky ist Direktor der Pfandbriefbank und der Wohnungsbaukreditanstalt, Mitglied des SFB-Rundfunkrats und Lottobeirats sowie des Abgeordnetenhauses, zweiter Vorsitzender der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Vorsitzender des Kreisverbandes Zehlendorf, et cetera.

Im Fall Antes hingegen geht es um kriminelle Korruption und andere Straftaten im Amte. Nach dem Muster: Der Bordellbesitzer akquiriert, und sein Parteifreund, der Baustadtrat, kassiert. Es geht vor allem auch um die erstaunlichen Verbindungen zwischen der CDU und der Unterwelt.

Baustadträte und Bordellbesitzer

Den CDU-Kreisverband Wilmersdorf ziert ein blonder, kräftiger, nicht mehr ganz junger Mann. Er heißt Otto Schwanz und schafft die für seinen luxuriösen Lebenswandel nötigen Scheine mit Prostitution an, das heißt er läßt anschaffen. Seit über zehn Jahren betreibt er Puffs. Sein Nachtclub "Troika" ist ebenso abgebrannt wie sein "Blauer Engel". Nachdem ein Kollege aus der Bordellbranche – ebenfalls Mitglied der CDU – wegen 25 Kilo Haschisch in Moabit verschüttging, stieg er für ihn in der "Thai-Bar Me and You" und im "Mireille-Club" ein.

Gute Kontakte zur Polizei soll Otto Schwanz gehabt haben, berichtet ein Kiez-Kenner: "Der Schwanz hatte so ’ne Bar mit Karibikmädchen, alle ohne Erlaubnis. Das Telephon klingelte, die Mädels haben sich angezogen und sind gegenüber einen Kaffee trinken gegangen. Eine Viertelstunde später gab’s ’ne Razzia.

Luden, gerade in Berlin, brauchen nicht nur Muskeln, sondern auch eine große Klappe, sonst können sie gleich den Beruf wechseln. Otto Schwanz spielte gewöhnlich den großen Zampano, der die Puppen tanzen ließ. Er brüstete sich damit, daß er an den Zentralcomputer der Polizei rankäme, Polizeidirektor K. sei ein guter Kumpel von ihm. "Schwanz hat mir folgendes erzählt: Er kennt den Antes und den Poertner, seinen Partner, aus der Jungen Union", berichtet der Gastronom Leo Altmann. "Den Diepgen kennt er auch von daher."

Schwanz rühmt sich tatsächlich gerne seiner Duzfreundschaft mit dem Regierenden Bürgermeister. "Drüben in Ost-Berlin, sagte Schwanz, hätte er einen Bruder und ’ne Wohnung, und von drüben würde er auch gefälschte Ausweise und Geburtsurkunden bekommen", erzählt Altmann.

Nachdem der ehemalige Chef des Nachtclubs "Salambo", Altmann, sich in diesem Sinne am vergangenen Wochenende auch vor den Kameras der Abendschau geäußert und zudem erklärt hatte, Schwanz kenne Diepgen auch aus seinen Aktivitäten als kommerzieller Fluchthelfer, schlug Senatssprecher Winfried Fest zurück: "Dieser Versuch eines Rufmordes ist ein unerhörter Vorgang ... das Ansehen des SFB wird auch daran zu messen sein, wie er mit diesem skandalösen Vorfall fertig wird." (S. Seite 45: "Wer ist der Intendant, Madame?")

Dem SFB-Redakteur, der es zuließ, daß Altmann dem Regierenden Bürgermeister so etwas nachsagen konnte, wurde untersagt weitere eigene Beiträge zum Fall Antes zu machen.

"Der Schwanz lief ja überall rum und hat geprahlt, daß er beste Beziehungen zu Antes habe und da alles regeln könnte", behauptet der Architekt Harald Ulrich. Er hatte Wolfgang Antes ein paar Wochen, nachdem der Ex-Stadtrat in Moabit gelandet war, angezeigt, weil Antes von ihm 70 000 Mark für eine Abriß- und Baugenehmigung verlangt haben soll. Der Architekt schlug das "unsittliche Angebot" aus. Antes erhielt dafür seinen dritten Haftbefehl.

Verbindungen zu Otto Schwanz wurden Wolfgang Antes schon seit gut einem Jahr nachgesagt. In der Charlottenburger CDU kursierte bereits im letzten Winter ein anonymes Pamphlet in Form eines Antes-Monologs unter dem Titel "Bürger beobachten Politiker".Darin wird Antes vorgeworfen, in den sechziger Jahren zweimal wegen Betruges und Urkundenfälschung verurteilt worden zu sein. Außerdem habe er sich Sozialhilfe erschlichen. Der Text schließt mit dem Satz: "Mehr Glück hatte ich bei meiner Vergabe an den Pächter des Café Europa. Vom Zuhälter Schwanz bekam ich dafür 50 000 Mark."

Diese Anschuldigung wurde auch in einer eidesstattlichen Versicherung des Rechtsanwalts Franz-Jürgen Gieffers vom 14. März 1985 formuliert; aufgrund seiner anwaltlichen Schweigepflicht konnte er allerdings seinen Informanten nicht nennen. Das Dokument wurde von einem Charlottenburger CDU-Mitglied auch an den Regierenden Bürgermeister Diepgen gesandt. Diepgen leitete es umgehend an Antes weiter, der daraufhin Strafanzeige wegen falscher Anschuldigungen stellte. Antes leugnet bis heute, einen Mann namens Schwanz zu kennen.

Der Gastronom Jürgen Lund bezeugte das Gegenteil. Otto Schwanz hatte nämlich einen Partner und christdemokratischen Parteifreund namens Norbert Poertner, der wiederum mit Jürgen Lund die "City Gaststätten GmbH" betrieb. Diese Firma hatte das "Café Europa" zwischen Gedächtniskirche und Europacenter gepachtet. Nachdem sich alle drei Anfang November kurz nach der Verhaftung von Antes in der Untersuchungshaftanstalt Moabit wiederfanden, packte Jürgen Lund schließlich aus und wurde gegen Kaution entlassen: Er habe Schwanz zum Rathaus Charlottenburg gefahren, der sei dann mit einem Koffer, in dem 50 000 Mark Schmiergeld für Antes lagen, im Rathaus verschwunden.

Schwanz hat sich – wie alle cleveren Beschuldigten – nach diesem Vorwurf bislang nicht zur Sache eingelassen. "Man kann sein Geld auch mit Rumsitzen verdienen", vertraute er seinem Anwalt an. Er rechnet damit, daß man ihm nichts nachweisen und er anschließend eine Haftentschädigung kassieren kann.

Wolfgang Antes verträgt die Haft weniger gut. "Richtig wächsern sieht er im Gesicht aus", sagt eine Freundin, die ihn besucht hat. Er beharrt darauf, daß er ganz und gar unschuldig sei. Über seinen Anwalt, den renommierten Strafverteidiger Dr. Manfred Studier, der unter anderem den Stararchitekten Dietrich Garski und den Boxer Bubi Scholz vertreten hatte, ließ Antes verbreiten, er sei das Opfer einer Kampagne der Ermittlungsbehörden, die ihn vorverurteilen wollten. Bei den Anschuldigungen handele es sich um eine Intrige politischer Gegner. Seiner Frau schrieb er: "Es wird der größte Justizskandal der Nachkriegszeit."

Der Zufallsfund

Fangen wir ganz von vorne an: Eine wichtige Spur, durch die Polizei und Staatsanwaltschaft eher zufällig auf den Fall Antes stießen, reicht bis in den Herbst vergangenen Jahres zurück. In der Nacht vom 1. zum 2. Oktober zog der stadtbekannte Baulöwe Günther Schmidt durch die Kneipen von Berlin. Gegen 1 Uhr 30 steuerte er seinen BMW wieder in die Tiefgarage des Gebäudekomplexes, in dem sich nicht nur sein Immobilienbüro befindet, sondern auch die Wohnung seiner geschiedenen Frau und die seiner Freundin. Günther Schmidt stieg aus und schloß seinen Wagen ab. Als er die Stahltür zum Treppenhaus öffnen wollte, hörte er es hinter sich zweimal laut knallen. Schmidt riß die Tür auf und rannte die Treppe hinauf. "Inge, Inge", schrie er, und nachdem seine ehemalige Gattin ihm geöffnet hatte, brach er auf dem Teppich zusammen. Im Krankenhaus wurde ein Oberarmdurchschuß behandelt, die Kripo fand bei der Spurensicherung in der Tiefgarage zwei Geschosse vom Kaliber 7,65 mm. Als Kriminalbeamte ihn noch in derselben Nacht vernahmen, gab Günther Schmidt zu Protokoll, daß ein gewisser Dr. Christoph Schmidt-Salzmann mit Sicherheit für die Schüsse verantwortlich sei. Die Anschrift und Telephonnummer dieses Herrn hatte er ebenfalls parat.

Der Hintergrund der Verdächtigung: Bis Mitte 1983 waren Schmidt und der Bauunternehmer Schmidt-Salzmann enge Geschäftspartner. Schmidt-Salzmann verwaltete nicht nur das Vermögen von Günther Schmidt, sondern auch das von dessen langjährigem Geschäftspartner Wilhelm Mewes. Einträchtig betrieben sie im Auftrag von Spekulanten die "Freimachung" von Mietshäusern und die "Abräumung" von Grundstücken. Vorzugsweise wurden dort dann hochsubventionierte Sozialwohnungen errichtet oder Altbauten aufwendig modernisiert. Mit raffinierten Tricks erwirtschafteten die Abschreibungsfirmen der Spekulanten dabei Verluste – je höher diese Verluste waren, desto mehr konnten die Einleger (Ärzte, Rechtsanwälte und andere wohlverdienende Bürger aus Westdeutschland) von ihrem steuerpflichtigen Einkommen abziehen.

Wilhelm Mewes, Christoph Schmidt-Salzmann, dessen späterer Adjutant Kurt Schrabback und andere erledigten die Drecksarbeit für die Abschreibungsgesellschaften. Bei den betroffenen Mietern waren sie als "Abräumer" gefürchtet. Sie versprachen Mietern Umsetzwohnungen und brachen gerne diese Versprechen. In Häusern, die der "COMBAU" oder sonstigen Firmen von Mewes, Schmidt, Schmidt-Salzmann und anderen gehörten, brannte es auffällig oft, Mieterinitiativen sprachen vom "warmen Abriß". Manchmal wurden Wasserleitungen von Unbekannten durchgesägt, oder in bereits leeren Wohnungen wurden Öfen und Installationen zerschlagen. In einigen Fällen wurden ganze Häuser kurzerhand in staubige Schutthaufen verwandelt – ohne offizielle Abrißgenehmigung.

Wenn Mieter mit langfristigen Verträgen partout nicht das Feld räumen wollten, hatten die Abräumer einen besonderen Trick auf Lager: Sie überschuldeten das betreffende Grundstück und beantragten eine Zwangsversteigerung, denn nach Paragraph 57 des Versteigerungsgesetzes erlöschei im Fall von Zwangsversteigerungen zeitlich befristete Mietverträge. So ersteigerte dann beispielsweise Christoph Schmidt-Salzmann ein Haus, das laut Grundbuch seinem späteren Adjutanten Kuit Schrabback gehörte; die Versteigerung hatte Wilhelm Mewes beantragt. Mewes wurde dabei von dem Rechtsanwaltsbüro des damaligen CDU-Bausenators Ulrich Rastemborski vertreten.

Die Geschäfte der Abräumer liefen gut, doch 1982 überwarf sich Schmidt-Salzmann mit Wilhelm Mewes, der ihm heute vorwirft, er habe versucht, ihn bei der Verwaltung um sein Vermögen zu betrügen. Mit Schmidt entzweite sich Schmidt-Salzmann ebenfalls. Die beiden streiten sich heute in mehr als einem Dutzend Zivilverfahren um mehrere Millionen Mark.

Günther Schmidt hatte und hat Angst. Als er zehn Tage nach dem Überfall in der Tiefgarage aus dem Krankenhaus entlassen worden war, traf er sich mit Klaus Speer, dem einstigen König der Berliner Unterwelt, der sich allerdings inzwischen weitgehend zur Ruhe gesetzt hat. Er wollte sich von Speer einen Leibwächter vermitteln lassen. 5000 Mark pro Tag waren ihm dann aber doch zu teuer. Was Schmidt nicht wußte: die Kripo ließ ihn beschatten.

"Dienstlich" – das heißt über Ganoven, die der Polizei gelegentlich Tips geben oder kontinuierlich als V-Leute Bericht erstatten – war der Polizei nämlich bekannt geworden, daß an den Tresen der einschlägigen Ganovenkneipen ein Spruch die Runde machte: "In Sachen Schmidt wurde schlecht gearbeitet, es muß nachgebessert werden." Da die Polizei auch konkrete Hinweise erhalten hatte, wer da am 2. Oktober in der Tiefgarage schlecht gearbeitet haben könnte, wurden am Abend des 22. Oktober vor der Stammkneipe von Günther Schmidt zwei Männer festgenommen.

Kripobeamte hatten die beiden beobachtet, wie sie durch die Fenster der Kneipe gespäht hatten, in der Günther Schmidt gerade speiste. Einer der beiden hatte tatsächlich eine geladene und entsicherte Pistole in seinem Hosenbund stecken.

Stephan M. und Harald L., der Mann mit der Pistole in der Hose, waren der Polizei bereits bekannt und einschlägig vorbestraft. Außerdem hatten sie nicht nur die besagte Tiefgarage ausgekundschaftet, sondern auch die Berliner Wohnung von Wilhelm Mewes, dem Abräumer, der sich wie Schmidt mit Schmidt-Salzmann überworfen hatte. Ein dritter Mann wurde ebenfalls verhaftet, ein Kumpel von Stephan M. aus dem Ringerverein "SC Berolina", wo sich die beiden mit anderen schweren Jungs im Nahkampf übten.

Die Berliner Unterwelt ist zwar nicht mehr das, was sie in den zwanziger Jahren war, als sie geradezu preußisch organisiert in Ringvereinen der Devise "Üb’ immer Treu und Schädlichkeit" nachging, aber Ganoven sterben nicht aus. Ein beliebter Treffpunkt der schweren Jungs und leichten Mädchen in West-Berlin ist heutzutage die Bar "MG", keine fünf Minuten vom Kurfürstendamm entfernt. Das "MG" gehört einem Mann namens "Manne". Der war schon 1970 bei der legendären Schießerei in der Bleibtreustraße dabei, die daraufhin flugs in "Bleistreugasse" umgetauft wurde. Ein Perser blieb damals tot auf der Straße liegen, und drei andere wurden schwer verletzt. Sie mußten dafür bluten, daß sie der Truppe des Unterweltkönigs Klaus Speer ins Gehege gekommen waren.

Christoph Schmidt-Salzmann, damals Jura-Student, war bei den nachfolgenden Ermittlungen in den Verdacht der Begünstigung des heutigen "MG"-Wirtes "Manne" geraten – wenn er auch mangels Beweises nicht angeklagt wurde. Mit "Manne", der wegen Beihilfe zum Raufhandel und unbefugten Waffenbesitzes zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt wurde, verbindet ihn eine lange Freundschaft. Er ist Stammgast im "MG", wo "Erbsenpaule", "Stulle" und wie sie alle heißen, zusammensitzen, wo Ludengarn gesponnen wird, Geschäfte vereinbart werden und man bei Razzien Kokain oder Munition finden kann. Schmidt-Salzmann wird in diesen Kreisen auch der "ägyptische Doktor" genannt – er soll seinen akademischen Titel im Orient gekauft haben. Ansonsten läßt er sich von seinen Freunden gerne nach seinen Initialen "CSS" nennen.

CSS ist 39 Jahre alt und Mitglied der CDU; in seiner Umgebung häufen sich obskure Unglücksfälle. Einem Nachbarn, mit dem er Streit wegen eines Garagenplatzes hatte, brannte das Auto ab, der Ehemann seiner Freundin wurde von Unbekannten zusammengeschlagen. Sein Schlafzimmer schmückt ein Porträt von Al Capone. Im Landhaus seiner Familie hat er eine erlesene Bibliothek über die "ehrenwerte Gesellschaft", die Mafia, gesammelt. Jeder ist frei in der Wahl seiner Hobbys, die Interessen von CSS sind allerdings etwas überraschend, wenn man sich seine Familie anschaut.

Seine Mutter und sein Bruder residieren gewöhnlich in Luzern oder im Landhaus Reutte, im schwäbischen Salach. Die Familie hat ihr millionenschweres Vermögen in der Textilindustrie gemacht. CSS, der kleine Bruder, hatte schon 1968 Aufsehen erregt, als er in einer Berliner Diskothek eine große Party gab, zu der sich Millionenerben und Couponschneider wie "Mick" und "Muck" Flick, die beiden ausgezahlten Flick-Erben, oder Michael Prinz von Preußen die Ehre gaben.

Als die Kripo "wegen dringenden Tatverdachts des versuchten Mordes zum Nachteil Günther Schmidts" – so die Begründung des Durchsuchungsbeschlusses – am 31. Oktober vergangenen Jahres schließlich die Sechs-Zimmer-Wohnung und die Büroräume von CSS auf den Kopf stellte, weilte er gerade mit seiner Freundin in Ägypten und reiste anschließend in die Schweiz weiter. Die Kripo hatte in seinem Büro zwar keine Beweismittel dafür gefunden, daß er die dilettantischen Killer gemietet hatte, doch sie machte einen für das weitere Geschehen sehr bedeutsamen Zufallsfund: Ein schlichtes Stück Papier, die Photokopie eines handgeschriebenen Briefes von CSS vom 14. Juni 1985.

"Lieber Wolfgang ..." beginnt der Brief, in dem CSS an 200 000 Mark, die er diesem Wolfgang gezahlt habe, und an weitere Aufwendungen für andere CDU-Mitglieder erinnert. Wenn er nicht endlich den versprochenen Erbpachtvertrag und die Baugenehmigung bekomme, könne er auch noch "andere Methoden" anwenden.

Der "liebe Wolfgang", schloß die Kripo, kann mit Nachnamen eigentlich nur Antes heißen.

Es wird ausgepackt

Der Brief brachte die Kripo ein gutes Stück weiter. Gegen den ehemaligen Charlottenburger Baustadtrat und CDU-Kreisvorsitzenden Wolfgang Antes war bereits im Frühjahr 1985 ermittelt worden. Im Sommer hatte dann die Abteilung 68 (Organisierte Kriminalität) der Staatsanwaltschaft die Ermittlungen ein zweites Mal aufgenommen. Da sich CSS um ein landeseigenes Grundstück in Charlottenburg bemüht hatte, lag der Schluß nahe, daß es sich bei den 200 000 Mark wohl um Schmiergeld handeln müsse.

Vier Tage nach der Durchsuchung bei Christoph Schmidt-Salzmann – am 4. November – stand die Kripo bei Wolfgang Antes vor der mit Scheinwerfern und Videokamera gesicherten Tür und präsentierte ihm seinen ersten Haftbefehl. An diesem Tag landeten die Ermittler ihren ersten entscheidenden Schlag: Sie durchsuchten siebzehn Büros und Wohnungen. Zwei große Baulöwen der Stadt, die in Charlottenburg auf landeseigenen Grundstücken gebaut hatten, waren darunter:

Dietmar Otremba, ein Bauexperte der CDU, hatte sein Büro offensichtlich gründlich aufräumen lassen; bei Kurt Franke sah das anders aus. In seinen Firmenräumen fand die Kripo Dokumente, die ihm am 20. Januar einen Haftbefehl wegen Verdachts der Bestechung einbrachten: eine Aufstellung, die dem schon legendären Schwarzkassenbuch des Flick’schen Oberbuchhalters Diehl ("wg. Kohl") ähnelt. Sie reicht vom kleinen Sachbearbeiter im Bausenat bis zur politischen Prominenz der Stadt, inklusive des Regierenden Bürgermeisters. Den Namen waren Beträge mit einer Gesamtsumme von über einer Million zugeordnet.

An jenem 4. November verhaftete die Kripo auch zwei Männer, die man dringend verdächtigte, Wolfgang Antes bestochen zu haben. Der Architekt Klaus Werner Raffael – ebenfalls ein Christdemokrat – gestand am nächsten Tag, daß er an seinen Parteifreund Antes 200 000 Mark Schmiergeld gezahlt habe. Er bekam dafür von Antes bei einem Auswahlverfahren für ein landeseigenes Grundstück den Zuschlag (beziehungsweise einen Erbpachtvertrag plus Baugenehmigung), obwohl er in sämtlichen Punkten die planerischen Anforderungen nicht erfüllt hatte.

Paragraph 332 des Strafgesetzbuches sieht für Amtsträger, die für Diensthandlungen Gegenleistungen fordern, sich versprechen lassen oder annehmen, Freiheitsstrafen zwischen sechs Monaten und fünf Jahren vor. Wer aktiv einen Amtsträger besticht oder dies versucht hat, kann zwischen drei Monaten und fünf Jahren bekommen.

Christoph Schmidt-Salzmann war inzwischen zur öffentlichen Fahndung ausgeschrieben. Seine Anwältin Ulrike Kolneder-Zecher reiste nach Zürich, um sich im noblen "Eden au lac" am Zürcher See mit CSS zu besprechen. Sie war auf Empfehlung des Grandseigneurs der Ganovenverteidiger Berlins, Dietrich Scheid, zu diesem Mandat gekommen. CSS beteuerte ihr seine Unschuld; am nächsten Morgen reichte er ein Stück Papier nach, das ihn entlasten sollte: einen Darlehensvertrag vom 24. September 1982, geschlossen zwischen CSS und Wolfgang Antes über 180 000 Mark. Von Bestechung könne daher überhaupt keine Rede sein.

Beide sind alte Bekannte. Schmidt-Salzmann hatte Wolfgang Antes über Kurt Schrabback kennengelernt, der ihm bei den Abräumgeschäften schon zu Diensten gewesen und inzwischen gelegentlich auch für Antes tätig war. Schrabback war bis September vergangenen Jahres aktives Mitglied der CDU und Kassenprüfer im Ortsverbänd Lietzensee, einer Untergliederung des Kreisverbandes Charlottenburg; von hier aus hatte Antes die 1888 Mitglieder des Kreisverbandes regiert.

Antes hatte dabei seine eigenen Methoden: Da laut Statut die Anzahl der Delegierten, die ein Ortsverband in die Kreisverbandsgremien entsendet, von der Zahl jener Mitglieder bestimmt wird, die nicht mehr als sechs Monate mit ihrem Parteibeitrag im Rückstand sind, zahlte Antes mit Geldern seiner reichen Freunde – allen voraus CSS – ausstehende Beiträge einfach nach. Die Karteileichen erfuhren überhaupt nichts davon, und für Antes ließ sich so ein Stück Macht dazukaufen.

Zehn Tage nach der Verhaftung von Antes kehrte CSS in Begleitung seiner Rechtsanwältin Ulrike Kolneder-Zecher nach Berlin zurück und wurde – wie zuvor mit der Staatsanwaltschaft vereinbart – auf dem Flughafen Tegel diskret von der Kripo abgeholt und nach Moabit verbracht.

Die Untersuchungshaftanstalt Moabit mit dem angeschlossenen Kriminalgericht Tiergarten ist ein düsterer, wilhelminischer Bau aus dem vergangenen Jahrhundert. 23 Stunden am Tag sind die Gefangenen in ihren Einzelzellen eingeschlossen. Besuch gibt es alle vierzehn Tage und dann nur für dreißig Minuten unter Aufsicht. Selbst hartgesottene Ganoven machen drei Kreuze, wenn sie von Moabit zur Strafhaft nach Tegel verlegt werden; Menschen, die nie damit gerechnet haben, sich hinter Gittern wiederzufinden, werden schnell mürbe in Moabit.

Staatsanwalt Fätkinhäuer weiß das sehr gut. Er gilt unter Kollegen und Anwälten als ehrgeizig, kompetent, selbstbewußt bis arrogant. Den im Fall Antes Inhaftierten gibt er eines deutlich zu verstehen: Haftverschonung nur gegen Geständnis plus Kaution. Aus der Sicht der Verhafteten und ihrer Anwälte versucht er Geständnisse zu erpressen. Aus seiner Sicht hat er gegen clevere Untersuchungshäftlinge überhaupt keine andere Chance. Und bisher hatte er Erfolg mit dieser Methode: Vier im Fall Antes Beschuldigte haben bereits gestanden, an Antes Bestechungsgelder gezahlt zu haben. Auch Christoph Schmidt-Salzmann wurde weich und weicher.

Das Problem war nur: Staatsanwalt Fätkinhäuer wollte CSS die Geschichte mit dem nachgereichten Darlehensvertrag nicht glauben. Also ließ CSS seine Anwältin bei Fätkinhäuer vorfühlen, ob eine Aussage, daß der Darlehensvertrag nachträglich gefälscht worden sei, ihm weiterhelfen könnte.

Das alleine reiche nicht, bedeutete der Staatsanwalt. Er befürchtete, daß CSS dieses Geständnis später mit der Begründung, er sei dazu gepreßt worden, widerrufen könnte. Fätkinhäuer verlangte als objektivierbares Beweismittel die Schreibmaschine, auf welcher der Darlehensvertrag getippt worden war. Ulrike Kolneder-Zecher flog daraufhin nach Zürich und ging noch einmal in das Hotel "Eden au lac". Als man ihr dort erklärte, die gesuchte Schreibmaschine sei vor ein paar Tagen weggeworfen worden, und es gebe auch keine Schriftstücke, die auf ihr geschrieben worden sind, wurde ihr doch etwas unheimlich. Schon in Berlin hatte sie einige anonyme Drohanrufe bekommen, war mehrmals von einem Auto verfolgt worden. Aber so richtig gingen ihr erst die Augen auf, als sie CSS am nächsten Tag in Moabit besuchte:

Schmidt-Salzmann sitzt bereits mit dem Rechtsanwalt Klaus Peter Stiewe, dem er in der Zwischenzeit auch ein Mandat erteilt hat, in einer Anwaltssprechzelle. Plötzlich wendet er sich an Ulrike Kolneder-Zecher: "Ich sage jetzt, wie es wirklich war mit dem Darlehensvertrag. Sie waren das, Sie haben den gefälscht." "Ich bleibe keine Sekunde länger hier", antwortet die Anwältin. Am folgenden Tag, dem 19. Dezember 1985, legt sie die insgesamt fünf Mandate in staatsanwaltlichen Ermittlungsverfahren gegen Christoph Schmidt-Salzmann nieder.

Wieder einen Tag später sind an die 15 Kriminalpolizisten damit beschäftigt, gleichzeitig in ihrer Wohnung und ihrem Büro nach dem Original des Darlehensvertrages zu suchen. Gegen sie wird wegen Urkundenfälschung und Strafvereitelung ermittelt. Noch am selben Tag gibt sie eine ausführliche Aussage zu Protokoll. Der "ägyptische Doktor" Schmidt-Salzmann bekommt, nachdem er die Bestechung gestanden, Antes und seine ehemalige Anwältin belastet hat, Haftverschonung. Die Kaution wird auf 150 000 Mark festgelegt. Einen wie CSS, der in den letzten zehn Jahren mindestens acht Millionen aus dem Familienvermögen durchgebracht hat, treibt das nicht in den Ruin.

Die Indizien für einen Haftbefehl wegen versuchten Mordes sind zu schwach. Und ob der Mann mit der Pistole in der Hose und seine beiden Kumpels, die noch in Moabit einsitzen, verurteilt werden, ist nicht sicher.

Schampus und Mädchen

Wolfgang Antes, die Schlüsselfigur des Skandals, ist eigentlich eine tragische Person. Auch wenn jetzt alle Welt in ihm den korrupten Politiker sieht, so war er doch auch sein ganzes Leben Opfer.

Er wurde am 30. Januar 1944 in Kaiserslautern geboren und kommt aus kleinen Verhältnissen. Im Alter von neun Monaten wurde er bei einem alliierten Bombenangriff verschüttet, seitdem ist er querschnittsgelähmt. Er saß bis zum Alter von zehn Jahren im Rollstuhl, lernte dann mit eiserner Willenskraft zuerst auf Krücken und später nur mit einem Stock zu gehen. 1964 kam er nach Berlin und begann an der Freien Universität zu studieren, im selben Jahr trat er auch in die CDU ein. Adenauer und die soziale Marktwirtschaft hatten es ihm nach eigenem Bekunden angetan. "Da war ein gewisser Herr Wohlrabe, der hat mich aufgenommen", erinnerte er sich. Antes, der das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg abgelegt hatte, arbeitete nebenbei als Nachtwächter oder verkaufte Versicherungen. Nach acht Semestern wurde er Diplompolitologe. Mit ungeheurer Zähigkeit hat er sich nach oben gekämpft: ein Kleinbürger, der ganz hoch hinaus will.

1975 wurde er in das Berliner Abgeordnetenhaus gewählt, doch 1977 kam es zu einem Skandälchen, das den schnellen Aufstieg empfindlich bremste: Antes hatte in seiner Wohnung einen pflegebedürftigen CDU-Veteranen aufgenommen und war, nachdem er sich 2000 Mark im Monat zahlen und in das Testament aufnehmen ließ, in den Verdacht der Erbschleicherei geraten. 1979 wurde er nicht mehr für das Abgeordnetenhaus aufgestellt. Erst im Mai 1981 kam auch Antes wieder zum Zuge, diesmal als Baustadtrat in Charlottenburg.

Er kann gut reden, ist ein ausgesprochen intelligenter Machiavellist und Opportunist. Alsbald dominierte er nicht nur im Charlottenburger Bezirksparlament, sondern übernahm auch 1983 den Vorsitz des Charlottenburger CDU-Kreisverbandes von seinem einstigen Förderer, dem Bezirksbürgermeister von Charlottenburg, Eckhard Lindemann.

Charlottenburg ist nicht irgendeiner der zwanzig Berliner Bezirke, deren Grenzen im Jahr 1920 abgesteckt worden sind. Von den zwölf Bezirken, die zu West-Berlin zählen, ist er der mit den meisten Betrieben und Firmen. Im "City-Bezirk" gibt es mehr Geschäfte als in allen anderen Bezirken. Der Kurfürstendamm liegt hier, die Schaubühne, das Hotel Kempinski, das Café Kranzler, unzählige Geschäfte, Restaurants, Kneipen, Kinos – Geschäft und Amüsement. Vor dem Krieg war der Ku-Damm der Boulevard im feinen Westen der Metropole, heute ist er ein architektonischer Flickenteppich, auf dem sich im Sommer die Touristen stauen. Hier wird konsumiert, und deshalb gehören seine Grundstückspreise zu den höchsten der Stadt. Am Ku-Damm und seinen Seitenstraßen haben auch die meisten Rechtsanwälte, die im Fall Antes tätig sind, ihre Kanzleien. Antes selber hat bis zum 4. November in der Schlüterstraße 41 gewohnt, im selben Haus hat der Anwalt von Otto Schwanz sein Büro. Der Anwalt von Antes, Dr. Manfred Studier, arbeitet auf der anderen Seite des Ku-Damms.

Wolfgang Antes ist nicht der einzige Berliner Bezirkspolitiker, der in schweren Verdacht geriet, käuflich zu sein. Nur ein paar Schritte südlich von Antes’ Wohnung entfernt beginnt Wilmersdorf, ebenfalls ein wohlhabender Bezirk. Der Baustadtrat im Wilmersdorfer Rathaus heißt Jörg Herrmann und ist auch Christdemokrat. Am 17. Januar – einen Tag, nachdem der CDU-Generalsekretär Klaus Landowsky im Abgeordnetenhaus die Vorwürfe der Opposition noch als "Schmutzkampagne" zu denunzieren versucht hatte – standen um 9 Uhr morgens ein Staatsanwalt und drei Kriminalbeamte mit einem Durchsuchungsbefehl vor dem Büro von Herrmann. Die Ermittler beschlagnahmten rund 100 Aktenordner. Da sie den Eindruck gewonnen hatten, Herrmann habe sein Büro vor der Haussuchung gründlich aufgeräumt, durchsuchten sie es ein paar Tage später nochmals.

Der Wilmersdorfer Kreisverband, neben dem Charlottenburger der einzige, in dem der liberale Reformflügel gegenüber der Betonfraktion in der Mehrheit ist, hatte offensichtlich aus dem peinlichen Lavieren, mit dem sich die CDU in den Fall Antes verstrickt hatte, etwas gelernt. Am Abend desselben Tages wurde Herrmann, obwohl er seine Unschuld beteuerte, vom Dienst suspendiert.

Kurz vor Weihnachten hatte ich Herrmann, der mit seinem Schnurrbart und seiner Brille ein wenig wie Antes aussieht, abends in seinem Haus im noblen Grunewald besucht. Als wir zum Thema kamen, ließen uns seine Frau und sein Pudel "Alinchen" auf der cremefarbenen Couchgarnitur alleine. "Also, daß ich 14 000 Mark genommen haben soll, das ist ja schon wieder fast eine Beleidigung, als ob ich so was nötig hätte, solche Kleinigkeiten."

Der Hintergrund seiner Entrüstung: Freitag, der 13. Dezember, war für Jörg Herrmann ein unglückseliger Tag. Da fand sich nämlich in der Berliner Morgenpost ein Gerücht, das schon wochenlang kursierte. Herrmann wurde beschuldigt, sich auf Kosten der "Wohnbau Design", einer großen, auf Altbausanierung spezialisierten Baufirma, im Bordell befriedigt zu haben. Der Wilmersdorfer Bezirksbürgermeister Dohm hatte das schon drei Monate zuvor auf einer Feier eher neschon von einem Beamten des Finanzamtes erfahren. Der fand eine Rechnung aus der "Villa Rasputin" mit Bewirtungskosten von über 9000 Mark doch etwas übertrieben.

Die Wohnbau Design dementierte ebenso empört wie Herrmann, doch Kenner der Baubranche mußten darüber eher schmunzeln. Wohnbau Design wurde Mitte der siebziger Jahre von Willi Freitag, Peter Braun und Joachim Vogel gegründet. Freitag hatte sich schon 1979 nach Luxemburg abgesetzt, Braun wurde im vergangenen Jahr wegen Steuerhinterziehung in Millionenhöhe zu drei Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt. Vogel, im selben Verfahren freigesprochen, versucht derzeit zusammen mit Karl-Heinz Knauthe, einem der erfolgreichsten Anwälte der Stadt, die angeschlagene Wohnbau Design zu retten. Willi Freitag, der auf Grund eines Haftbefehls wegen Steuerhinterziehung nach Luxemburg geflüchtet ist, hat vor der Kamera des NDÄ-Magazins Panorama mal aus der Schule geplaudert: Die Wohnbau Design habe von "Freunden im Bausenat" Tips bekommen, welche Grundstücke in die Modernisierungsprogramme aufgenommen und damit von der Wohnungsbaukreditanstalt gefördert werden würden, und diese Grundstücke anschließend erworben. Andere Freunde hätten die Förderung beschleunigt. Sie hätten auch einen eigenen Experten gehabt (den inzwischen verstorbenen Rolf Frieser), der das alles organisieren konnte. "Er pflegte seine Kontakte auch, indem er Leute zu sich einlud in seine Privatsauna. Da wurden dann kleine Feste mit Schampus und Mädchen gefeiert, und dann regelte sich alles von selbst."

"Klar", räumte Jörg Herrmann ein, "es kommt schon vor, daß ein Bauträger sagt: Na, wenn ich dieses Baugrundstück kriege, dann haben Sie sich aber ’ne Reise nach Thailand verdient." Aber er habe so etwas doch nicht nötig. "Diese Vorwürfe sind völlig aus der Luft gegriffen, aufgeblasene Luftballons, die platzen werden."

Zum Fall Antes meinte er: "Ich wußte ja gar nichts am Anfang. Daß der ’ne 25jährige Freundin hatte, die er zur Kindergarten-Leiterin gemacht hatte und die er in seiner zweiten Eigentumswohnung einquartiert hat, das habe ich erst von meiner Frau erfahren. In den Puff traut der sich ja bestimmt nicht wegen seiner Behinderung... und besser, er hat ’ne Freundin, als er ist schwul!"

Herrmann ist auch so ein Kind der geistig-moralischen Erneuerung. Sogar die Journalisten der Springerzeitungen, die rund 80 Prozent des Tageszeitungsmarktes der westlichen Sektoren beherrschen, können ihre Abscheu kaum unterdrücken. Da wird man täglich belogen oder verdächtigt, es werden die Freunde gedeckt, die Konkurrenz der nunziert, Gerüchte lanciert. Der "Schmiergeldskandal", wie ihn Springers BZ nennt, zeichnet ein erschreckendes Bild der herrschenden Klasse der Stadt. Viele ihrer Vertreter – auch wenn sie keiner Straftaten verdächtigt werden –, scheinen vor allem einer Devise zu folgen: Das Leben ist kurz genug, laßt uns schnell reich werden.

Jörg Herrmann jedenfalls wird der Kripo erst einmal erklären müssen, wie er mit seinem Stadtratsgehalt von 8000 Mark brutto eine Villa in Spanien sowie Wohnungen in West-Berlin und Kanada im Wert von einer Million erwerben konnte. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft, er habe sich von der Wohnbau Design im "Petit Chalais", der "Villa Rasputin" und dem "Sir Club" aushalten lassen, steht weiterhin im Raum.

Als der Wilmersdorfer CDU-Bürgermeister und der Kreisvorsitzende ihren Parteifreund Jörg Herrmann im Dezember vergeblich bedrängten, "aus gesundheitlichen Gründen" zurückzutreten, wollten sie von ihm auch unbedingt wissen, was es mit dem Haus in der Lietzenburger Straße 83 auf sich habe und ob da alles mit rechten Dingen zugegangen sei.

Ein langer Weg

Die Sonderkommission der Kriminalpolizei – achtzehn Männer und eine Frau –, die in Sachen Antes und andere ermitteln, heißt bei der Polizei "Soko Lietze". Soko für Sonderkommission und Lietze, weil sie anfänglich den dubiosen Brand des Hauses in der Lietzenburger Straße 83 am 23. März 1984 aufklären sollte. Dieses Haus gehört zur zweiten Spur, welche die Ermittler zum Fall Antes führte. Sie beginnt am 22. Januar letzten Jahres in Fellbach bei Stuttgart, und sie beginnt blutig:

Gegen 20 Uhr wollen Herr und Frau Decken, die Tankstellenpächter, Feierabend machen. Sie verstauen die Tageseinnahmen im Kofferraum, steigen in ihr Auto. Herr Deckert will sich noch einmal vergewissern, ob er die Tür auch wirklich abgeschlossen hat. Und dann geht alles plötzlich sehr schnell: Ein maskierter Mann bedroht Herrn Deckert mit einem Revolver, Frau Deckert setzt mit dem Wagen zurück und klemmt den Angreifer an einem Zaun ein. Der schießt durch die Heckscheibe, dann tritt sein Komplize in Aktion und ballert mit einer Maschinenpistole los, bis das Magazin leer ist – und Margot Deckert tot. Sie erbeuten eine Tasche mit knapp 2600 Mark drin. Ein dritter Mann wartet im Auto, mit dem sie flüchten können. Nicht weit allerdings, denn sie hatten den Fluchtwagen so auffällig geparkt, daß sich ein Anwohner die Nummer notierte und sie noch in derselben Nacht verhaftet wurden.

Die drei kamen – wie sich bei den Vernehmungen und im Prozeß herausstellte – aus der DDR. Sie hatten sich schon Jahre zuvor im Zuchthaus Brandenburg kennengelernt, bevor sie bei einem Häftlingsfreikauf in den Westen kamen. Im Dezember wurden sie wegen gemeinschaftlichen Raubmordes zu lebenslanger Haft verurteilt.

Einer der Raubmörder sagte auch aus, von wem er die Waffen in Berlin gekauft hatte. Nämlich von Reiner B., einem anderen ehemaligen DDR-Bürger, der wiederum einen Werner Hildebrandt als Waffenlieferanten anschwärzte.

Werner Hildebrandt kommt ebenfalls aus der DDR, die ihn 1971, nachdem er vier vergebliche Fluchtversuche unternommen hatte, auswies. Zwei Jahre später hatte ihn seine Heimat wieder; er wurde auf dem Transit festgenommen und im Mai 1973 wegen "staatsfeindlichen Menschenhandels" (Fluchthilfe) zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Januar 1977 wurde er von der Bundesrepublik freigekauft. Es dauerte nicht lange, da erlangte er unter dem Namen "Meißen-Werner" gewisse Berühmtheit. Das hat weniger damit zu tun, daß er in Dresden geboren wurde, sondern vielmehr mit einem Coup: Er heuerte Komplizen an, die in die DDR einreisten und in Lübbenau in ein Museum einbrachen. Sie raubten 73 Ausstellungsstücke, zum größten Teil Meißener Porzellan, und schmuggelten diese in den Westen. Ein Teil tauchte später bei einer Auktion in Amsterdam wieder auf.

"Meißen-Werner", der die drei Fellbacher Raubmörder zum Teil schon in DDR-Zuchthäusern kennengelernt hatte, landete im Sommer vergangenen Jahres wieder in Moabit. Sein Mitangeklagten, der Waffenlieferant Reiner B., belastete ihn so schwer, daß "Meißen-Werner" im Oktober schließlich wegen Beihilfe zum Raub und unbefugten Waffenbesitzes in erster Instanz zu vier Jahren verurteilt wurde. Um selber billiger wegzukommen, gab Reiner B. Staatsanwalt Fätkinhäuer bei einer Vernehmung auch zu Protokoll, daß ihm "Meißen-Werner" noch von dem einen oder anderen Ding, das er gedreht haben will, erzählt habe. Beispielsweise habe "Meißen-Werner" im Auftrag des Steuerberaters Wolfgang Kind das Haus Lietzenburger Straße 83, in dem er als Hausmeister arbeitete, im März 1984 in Brand stecken lassen. Bei der Feuersbrunst war ein Mann, dem die Flammen den Fluchtweg abgeschnitten hatten, aus dem vierten Stock in den Tod gesprungen. Das Branddezernat der Kripo hatte den Fall damals nicht klären können.

Als der Name Wolfgang Kind fiel, wurde Staatsanwalt Fätkinhäuer hellhörig. Er hegte den Verdacht, daß auch Wolfgang Kind für einen Mandanten ein Bestechungsgeschäft mit Antes ausgehandelt habe und ließ ihn in Untersuchungshaft nehmen.

Der Steuerberater hatte schon einmal 15 Monate in Moabit verbracht. 1980 wurde er wegen des Verdachts eines Betruges bei Warentermingeschäften verhaftet. Der ermittelnde Staatsanwalt staunte damals nicht schlecht, als er bei der Durchsuchung von Kinds Haus in Charlottenburg den Kollegen Przytarski antraf. Staatsanwalt Klaus-Jürgen Przytarski, ein alter Freund und Nachbar der Familie Kind, hat sich dabei so merkwürdig benommen, daß anschließend gegen ihn disziplinarische Vorermittlungen wegen des Verdachts der Strafvereitelung und Begünstigung eingeleitet wurden. Das tat seiner Karriere keinen Abbruch: Am 1. März 1985 wurde Przytarski von Innensenator Heinrich Lummer zum stellvertretenden Leiter des Verfassungsschutzes ernannt.

Auch Wolfgang Kind war seine Sorgen bald wieder los. Gegen eine Geldbuße von 15 000 Mark wurde sein Verfahren eingestellt – seiner Kundschaft hatte der Finanzmakler einen Schaden von fünf Millionen Mark beschert.

Wieder in Freiheit, gründete Kind mit dem Rechtsanwalt Kurt-Christoph Landsberg eine Bürogemeinschaft. Gemeinsam betrieben sie die "Tuska Treuhand und Steuerberatungsgesellschaft mbH", die auch Häuser ankaufte oder verwaltete, darunter das später abgebrannte Haus in der Lietzenburger Straße. Kind stellte "Meißen-Werner", den er in der U-Haft in Moabit kennengelernt hatte, als Hausmeister ein und versprach ihm einen Pachtvertrag für ein Luxusbordell im Parterre. Der renommierte Urheberrechtsexperte und Christdemokrat Professor Nordemann und andere investierten in der Lietzenburger Straße. Kind initiierte gleichfalls ein 35-Millionen-Projekt, den Gloria-Palast am Ku-Damm, bei dem er selber über eine Million verdiente und das die Staatsanwaltschaft derzeit überprüft. Bausenator Klaus Franke – der in diesen Wochen häufig erklärte, daß er mit dem unter Korruptionsverdacht geratenen Baulöwen Kurt Franke weder verwandt noch verschwägert ist – hatte den Gloria-Palast noch im Dezember mit einer zweifelhaften Entscheidung unterstützt.

Nachdem Kind wegen des Verdachts des Versicherungsbetrugs und der Brandstiftung neuerlich in Moabit verschwunden war, übernahm sein Rechtsanwalt Karl Georg Wellmann seine Geschäfte. Wellmann war bis Juni vergangenen Jahres persönlicher Referent des Sozialsenators Ulf Fink, davor war er mit der gleichen Aufgabe bei Wissenschaftssenator Wilhelm Kewenig betreut, der im Oktober die Nachfolge von Antes als Vorsitzender des CDU-Kreisverbandes Charlottenburg antrat. Bei gründlichen Recherchen im Fall Antes stößt man auf die Dauer immer wieder auf dieselben Namen. Man braucht nur Geduld, irgendwann schließen sich die Kreise.

Wolfgang Kinds Partner, der Geschäftsführer der Rechtsanwaltskammer West-Berlin, Kurt-Christoph Landsberg, hatte einen Mandanten namens Karl Heinz Böhning, der gleichzeitig von Wolfgang Kind steuerlich beraten wurde. Bönning betrieb bis zum 30. Mai 1981 das "Café am Hain". An diesem Tag brannte es bis auf die Grundmauern nieder. Böhning, der einen Tag nach Antes in Haft genommen wurde, gestand, daß er die Brandstiftung selber inszeniert hatte, um bei der Versicherung abzukassieren. Dabei hatte es allerdings Probleme gegeben: das Grundstück gehörte dem Land Berlin, und da es in dem Erbpachtvertrag eine Klausel gab, die vorsah, daß im Falle eines Brandes der Pächter für den Wiederaufbau zu sorgen hätte, sperrte die Versicherung 600 000 Mark. Nachdem Kind und Landsberg mit Baustadtrat Wolfgang Antes verhandelt hatten, entließ dieser Böhning aus dem Pachtvertrag, und Böhning kassierte die 600 000 Mark.

Der Verdacht der Staatsanwaltschaft, daß Kind und Landsberg für Böhning Wolfgang Antes bestochen haben, stützt sich bisher nur auf die Aussagen eines ehemaligen, in anderem Zusammenhang verhafteten Geschäftspartners von Böhning. Kinds Haftbefehl wegen des Brandes in der Lietzenburger Straße 83 wurde vom Kammergericht bereits aufgehoben. Eine weitere Chance, Kind zu überführen, sehen die Ermittler in Kanada-Geschäften des Finanzmaklers.

Kinds Immobilienakquisition in Montreal, in die auch Baustadtrat Jörg Herrmann investiert hatte, haben aus einem ganz anderen Grund für politischen Wirbel gesorgt. Herrmann warb auch noch andere Anleger, darunter Ellis Huber, der bis vor knapp einem Jahr in Wilmersdorf Stadtrat für Gesundheitswesen war und derzeit den gleichen Posten im Rathaus Kreuzberg bekleidet. Huber investierte zum Steuernsparen im Sanierungsgebiet am Montrealer Hafen. Das ist durchaus legal, das Problem ist moralischer Natur. Ellis Huber ist nämlich Mitglied der Alternativen Liste, die in Kreuzberg seit Jahr und Tag derartige Sanierungspolitik geißelt. Huber sagt heute über das Anlagengeschäft, bei dem er schlußendlich noch betrogen wurde und möglicherweise 300 000 Mark verliert: "Ich war ein naives, dummes Arschloch."

Lummers alter Bekannter

Den größten Coup, den Antes zu landen versuchte, hat genau genommen Innensenator Heinrich Lummer eingefädelt. Lummer, ein Exponent der in der CDU dominanten Betonfraktion, betätigt sich, bevor er Innensenator wurde, gerne als Außenpolitiker, speziell im Libanon. Er pflegte dort Kontakte mit den christlichen Milizenführern. Dort lernte er auch, nach eigenen Angaben irgendwann zwischen 1966 und 1974, den Gebrauchtwagenhändler Otto Putsch kennen. Putsch sitzt in diesen Tagen in Wuppertal in Untersuchungshaft. Der Münchner Staranwalt Rolf Bossi vertritt ihn in einem Prozeß wegen Steuerhinterziehung, der Putsch zwei Jahre Gefängnis einbringen könnte.

Otto Putsch war mit seiner Handelsfirma "ARD-GmbH" im Jahre 1984 in große finanzielle Schwierigkeiten geraten und reiste nach Berlin. Er war auf die Idee verfallen, ins Wohnungsgeschäft einzusteigen, das nirgends so üppig mit Steuergeldern subventioniert wird wie in West-Berlin. Von jeder Mark, die das Land Berlin ausgibt, kommen 54 Pfennig aus der Bundesrepublik. Putsch sprach bei seinem Bekannten Lummer vor, um sich zu erkundigen, ob er ihm nicht weiterhelfen könne.

Dieses Gespräch im Frühjahr 1984 fiel Heinrich Lummer erst kurz vor Weihnachten wieder ein, als er erfahren hatte, daß der Tagesspiegel, die seriöseste Zeitung der Stadt, bei den Justizbehörden recherchierte. Lummer kontaktierte den Tagesspiegel und räumte das Gespräch mit dem Gebrauchtwagenhändler ein. Er habe ihn, sagte er noch, an den Vorsitzenden der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Dankwart Buwitt, weiterempfohlen. Der konnte sich plötzlich auch wieder vage an Otto Putsch erinnern. Daß an der Unterredung auch der Staatssekretär – so nennt die CDU jetzt die Senatsdirektoren – aus dem Bausenat, ein Herr Jens Krause, teilgenommen hatte, war Buwitt zunächst entfallen.

Auch Heinrich Lummer litt in diesen Tagen an sporadischer Amnesie. Erst als über Journalisten an die Öffentlichkeit drang, daß Lummer mit Putsch und seinem Steuerberater Edwin Veth am Rande einer CDU-Parteiveranstaltung debattiert hatte, überkam den Innensenator eine dunkle Erinnerung. Einen Tag später wurde das dritte Treffen Putsch/Lummer über die Presse bekannt. Auch das habe es gegeben, gestand Lummer ein. Ein klägliches Schauspiel, das sehr schön die Taktik der CDU im Fall Antes zeigt: Nur zugeben, was bekannt wird, ansonsten den Mund halten und hoffen, daß sie einem nicht auf die Schliche kommen.

Zurück zur "Putschaffäre", die im Sommer 1984 schon für Aufregung in der Stadt gesorgt hatte: Fraktionsvorsitzender Buwitt und Bau-Staatssekretär Krause hatten Otto Putsch die CDU-Baustadträte Jörg Herrmann und Wolfgang Antes als kompetente Verhandlungspartner empfohlen. Am 16. Mai 1984 trafen sich Otto Putsch, sein Steuerberater Veth, Wolfgang Antes und Eckhard Lindemann, der Bezirksbürgermeister von Charlottenburg, im Hotel Berlin zu einem Geschäftsessen. Antes hatte die Idee geboren, sämtliche landeseigenen Wohnungen des Bezirks – das sind knapp 2100 – zu privatisieren. Antes hatte zwar mit der Verwaltung des landeseigenen Grundbesitzes gar nichts zu tun, doch der dafür zuständige sozialdemokratische Finanzstadtrat von Charlottenburg war gerade zur Kur, und Antes vertrat ihn.

Antes einigte sich mit Putsch auf einen Kaufpreis von 4000 Mark pro Wohnung – ein Bombengeschäft, wo doch Putsch für die Modernisierung der Wohnungen von der Wohnungsbaukreditanstalt noch Subventionen in Höhe von 100 Millionen Mark hätte bekommen können. Putsch bot als Gegenleistung für das hervorragende Angebot eine Parteispende für die CDU von einer Million Mark. In einem Fernschreiben von Putsch an seinen Steuerberater Veth fanden die Ermittler dann im Dezember die Zahlen 200 und 800 und 4 und machten daraus folgende Rechnung auf: 200 000 plus 800 000 plus vier Millionen macht fünf Millionen. Bei seiner Vernehmung am 23. Dezember behauptete Putsch, Antes habe weitere vier Millionen, die angeblich den anderen Parteien zugedacht waren, nachgefordert.

Für Otto Putsch war dieses Geschäft die letzte Hoffnung. Er hatte sechsstellige Steuerschulden und stand auch bei der Offenbacher Firma "Adam Rohe GmbH" tief in der Kreide. Er wollte sie deshalb zur Finanzierung seines Geschäftes mit den Charlottenburger Wohnungen überreden. Da es noch nicht unter Dach und Fach war, warteten Putschs Gläubiger skeptisch ab. Antes’ größter Coup platzte schließlich wie eine Seifenblase, als Finanzsenator Kunz klarstellte, daß landeseigene Wohnungen höchstens an gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaften, keinesfalls aber an Private verkauft werden können.

Das war am 31. Juli 1984, der Tagesspiegel forderte erstmals den Rücktritt von Wolfgang Antes. Bürgermeister Eckhard Lindemann mußte unter dem Druck der Öffentlichkeit gegen seinen Parteifreund und Kreisvorsitzenden disziplinarisch vorermitteln. Schließlich hatte Antes Gutachtern, die Putsch angeheuert hatte, Einblick in vertrauliche Bezirksamtsakten gewährt. Schon etwas merkwürdig: Lindemann, der selber mit Putsch verhandelt hat und Zeuge des Bestechungsangebots geworden ist, geht gegen Antes vor.

Eckhard Lindemann, bis Mai vergangenen Jahres Bezirksbürgermeister von Charlottenburg, schildert die Reaktion seiner Parteifreunde auf die Einleitung disziplinarischer Ermittlungen so: "Antes sagte mir, er habe die Deckung des Landesverbandes. Und die gängige Parteimeinung war ganz eindeutig: Ausmachen das Ding, totmachen." Lindemann, der nichts mehr zu verlieren hat, nennt auch Namen: "Kewenig hat mir gegenüber diese Meinung vertreten und auch Landowsky." CDU-Generalsekretär Klaus Landowsky heute: "Ich habe zu keiner Zeit Einfluß genommen."

Die Solidarität der Christdemokraten mit Antes war beachtlich. Daß nicht alles mit rechten Dingen zuging, wußte man in der Bauwirtschaft schon über ein Jahr vor seiner Verhaftung. In der CDU hingegen glaubte man Antes. Der erklärte noch Ende August 1985, zwei Monate vor seiner Verhaftung: "Ich bin unbestechlich. Wenn ich Akteneinsicht habe, werde ich sehen, welcher Zeuge zu Unrecht Vorwürfe gegen mich erhebt – dem gnade Gott!"

"Wenn die Opposition versucht, im Wahlkampf einzuheizen", rechtfertigt Wilhelm Kewenig die ausdauernde Solidarität seiner Partei mit Antes, "und wenn dann nicht etwas auf den Tisch kommt, dann müßten wir davon ausgehen, daß an den Verdächtigungen nichts dran ist." Kewenig, Senator für Wissenschaft und seit Oktober 1985 als Antes-Nachfolger Vorsitzender des Charlottenburger Kreisverbandes, ist einigermaßen ratlos. "Wir haben uns bemüht herauszubekommen, ob an den Vorwürfen etwas dran ist. In der Politik wird ja mit dreckigen Methoden gearbeitet – und gerade hier in Berlin da kann man doch nicht auf Gerüchte und anonyme eidesstattliche Erklärungen reagieren. Wenn das wirklich stimmen sollte, was Antes jetzt vorgeworfen wird, wäre das unglaublich. Trotzdem wüßte ich nicht, was die Partei hätte anders machen sollen."

Der zweite große Schlag

Als sich Kurt Franke am Abend des 20. Januar zur Wirtschaftsratssitzung des Fußballvereins Hertha BSC auf den Weg machte, traten zwei Kripobeamte an seine Seite: "Herr Franke, wir haben einen Haftbefehl gegen Sie. Würden Sie bitte mitkommen."

Herr Franke ist siebzig Jahre alt und leistete keinen Widerstand. Die Ermittler hatte ihren zweiten großen Schlag gelandet. Seit dem 4. November 1985, dem lag, an dem Antes verhaftet wurde, hatten sie ihn vorbereitet. Am 4. November hatten sie die bereits erwähnte Liste gefunden, auf der Namen und Geldbeträge notiert waren. Daraufhin begannen sie, Frankes Terminkalender mit den Namen auf der Liste zu vergleichen. Auch die Entnahmen von seinen Privatkonten wurden mit seinem Terminkalender gegengeprüft. Wenn Herr R. mit 10 000 Mark auf der Liste stand, Franke ihn am 29. Februar getroffen und dann noch am Vortag 10 000 Mark abgehoben hatte, war der Fall einigermaßen klar. Die Staatsanwaltschaft wirft Kurt Franke Bestechung vor – das hat nichts mit Hertha BSC zu tun, sondern mit seinen eigentlichen Geschäften. Er gilt als "Hotelkönig" der Stadt, ihm und seiner Frau Sylva gehören das "Excelsior", das "Plaza" und andere gehobene Absteigen. Sein eigentliches Metier ist das Baugeschäft, und hier war er so erfolgreich wie kaum ein anderer. Wenn der mehrfache Millionär und Träger des Bundesverdienstkreuzes einlädt, kommen sie alle, die Senatoren, die teuerster Rechtsanwälte, der Polizeipräsident, die sogenannten Spitzen der Gesellschaft.

Besonders erfolgreich war Kurt Franke im Bezirk Tiergarten. Dort hatte er in den letzten Jahren so viel gebaut, daß der Bezirk in der Baubranchescherzhaft "Frankegarten" genanntwurde. Am Tage nach seiner Verhaftung verkündete die Staatsanwaltschaft, daß nicht nur gegen Franke ermittelt werde, sondern im gleichen Fall auch gegen weitere Beamte wegen Bestechlichkeit: gegen den Bezirksbürgermeister von Tiergarten, Martin Quell (CDU), den ehemaligen Baustadtrat Bernd Kaiser (SPD), zwei Mitarbeiter des Bausenats sowie einen des Finanzsenats. Quell wurde vom Dienst suspendiert, die drei Beamten ebenso. Die Zahl der Beschuldigten hätte sich auf 30 erhöht, ein dritter Staatsanwalt und ein Oberstaatsanwalt wurden für die immer weiter ausufernden Ermittlungen abgestellt, die Sonderkommission der Kripo wurde auf 19 aufgestockt.

Nach den Kreisverbänden Charlottenburg und Wilmersdorf ist auch die CDU-Tiergarten in Verruf geraten. Der CDU-Landesvorsitzende Eberhard Diepgen gehört ihr an und sein Vertrauter, der Bundestagsabgeordnete und inoffizielle Geschäftsführer der Betonfraktion, Manfred Kittelmann, hat den Kreisvorsitz inne. Kittelmann hat von Kurt Franke mindestens 100 000 Mark bekommen. Am Tage nach Frankes Verhaftung wurden die Angestellten der CDU-Landesgeschäftsstelle schon mittags nach Hause geschickt. Dennoch brannten bis zum frühen Morgen des nächsten Tages die Lichter.

Die Verhaftung Frankes zwingt auch Eberhard Diepgen, seine Taktik zu ändern. Er tritt die Flucht nach vorne an. Am Donnerstag vergangener Woche lädt er zunächst die Chefredakteure der Tageszeitungen sowie der Rundfunkanstalten SFB und RIAS zum vertraulichen Hintergrundgespräch in das Senatsgebäude. Er teilt unter anderem mit, daß Kurt Franke Mitglied der jüdischen Gemeinde ist. Seine Frau Sylva Franke ist dort karitativ tätig, sie begründete die Berliner Sektion des "Roten Davidsterns", des israelischen Roten Kreuzes.

Die Erinnerung an die Diskussion um Fassbinders nicht öffentlich aufgeführtes Stück "Der Müll, die Stadt, der Tod" ist naheliegend. Gleichzeitig ist die jüdische Gemeinde in Berlin, die auch von namhaften nichtjüdischen Baulöwen gefördert wird, ein Ort, an dem viele Informationen über das Baugeschäft zusammenkommen.

Ihr Vorsitzender Heinz Galinski wehrt sich vehement gegen eine öffentliche Debatte, in der es nicht um eine literarische Figur wie den "Reichen Juden" von Fassbinder ginge, sondern um Kurt Franke. Er wollte der ZEIT jedenfalls nicht einmal bestätigen, daß Franke Mitglied der jüdischen Gemeinde ist, sondern erklärte in äußerster Erregung: "Was wollen Sie von uns? Wir haben gar nichts damit zu tun. Das ist eine Angelegenheit des Regierenden Bürgermeisters und des Senats."

Der Regierende Bürgermeister trat nach dem Gespräch mit den Chefredakteuren vor die übrige Presse und erklärte, daß er den Tiergartner Bezirksbürgermeister Martin Quell vom Dienst suspendiert habe. Er sagte auch: "Ich habe heute aus Gründen der politischen Hygiene dem Parlamentspräsidenten Herrn Rebscn erklärt, daß ich im April 1982 eine Parteispende in Höhe von 50 000 Mark entgegengenommen habe." Ob er danach noch einmal 25 000 Mark genommen hatte, wollte er nicht ausschließen. Dann räumte er noch ein: "Es gab keine Spendenquittung, weil die Spende nicht steuerlich abgesetzt werden sollte." Schon einen Tag zuvor hatte der Sprecher des Justizsenats – Voll (er Kähne, der 1980 als Staatsanwalt gegen Wolfgang Kind ermittelt hatte – erklärt: "Auch wenn es sich um Parteispenden handelt, wird überprüft werden müssen, ob dafür Gegenleistungen erbracht wurden."

Eckhard Wruck, CDU-Abgeordneter und Exponent des Reformflügels, kommentierte diese Art der Parteifinanzierung so: "Wenn schon aus unerfindlichen Gründen Keine Spendenbescheinigung ausgestellt wurde, so ist eine Nichtveröffentlichung der Parteispende unter Verstoß gegen das Parteigesetz unentschuldbar. Unterbleibt beides, so drängt sich der Eindruck auf, daß ein bestimmter Zusammenhang zu Vorteilen und Gefälligkeiten zugunsten des Spenders besteht." Die SPD, an deren Schatzmeister Kurt Franke insgesamt 130 000 Mark bezahlte und die FDP, die nur 20 000 bekommen haben soll, haben jedenfalls alle Spenden ordnungsgemäß quittiert – bis auf eine – 25 000 Mark an die SPD.

Der Schatzmeister der SPD heißt Klaus Riebschläger, er sitzt zusammen mit Klaus Landowsky im Direktorium der Wohnungsbaukreditanstalt, die im Zuge der Ermittlungen auch schon von der Kripo aufgesucht wurde. Riebschläger wurde im Winter 1980/81, als Landesbürgschaften von über hundert Millionen für den Architekten Dietrich Garski geplatzt waren, als Finanzsenator in die politische Verantwortung genommen und mußte zurücktreten. Einen. Monat später stürzte die sozial-liberale Koalition unter Dietrich Stobbe. Die CDU übernahm mit Richard von Weizsäcker im Juni 1981 die Macht.

Der Zustand der CDU erinnert heute an die letzten Monate des Stobbe-Senats. Diepgen, Landowsky und andere Exponenten der CDU-Betonfraktion sind auffällig nervös. Sie scheinen zu befürchten, daß der Fall Antes noch andere Dinge zum Vorschein bringen könnte.

"Die Stimmung in der Partei ist saumäßig", sagt ein CDU-Mann, der namentlich nicht genannt werden will. Das stimmt. Zumindest an der Basis der Regierungspartei greifen Unmut und Verunsicherung um sich. Einfache Parteimitglieder, die aus Idealismus und Überzeugung Christdemokraten sind und nicht die Politik zum einträglichen Beruf gemacht haben, sehen sich in ihren Hoffnungen auf einen Neuanfang nach dem sozialdemokratischen Filz bitter getäuscht.

Die SPD, die als Opposition bisher eine kümmerliche Rolle gespielt hat, hatte immerhin knapp 18 Jahre und diverse Filzaffären gebraucht, bis sie die Mehrheit von über 60 Prozent, die Willy Brandt als Regierender Bürgermeister holte, 1981 verspielt hatte. Die CDU hat ihre Glaubwürdigkeit schon nach fünf Jahren nahezu ruiniert.

Wolfgang Antes hat nach dem bisherigen Stand der Ermittlungen von Kurt Franke 170 000 Mark privat kassiert. Auch sein Kollege Jörg Herrmann wird inzwischen verdächtigt, in die eigene Tasche statt in die Parteikasse gewirtschaftet zu haben.

Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuß, den zunächst die Alternative Liste, dann auch die CDU und die FDP gefordert haben, wird den Fall Antes in allen seinen Weiterungen untersuchen. Die strafrechtliche Würdigung wird die Gerichte noch ein paar Jahre beschäftigen.

Die meisten Berliner verfolgen das Geschehen ebenso interessiert wie abgebrüht. Dem Verkäufer in meiner Stamm-Currywurstbude jedenfalls, der mit gleichmütiger Miene den Ketchup aus der Flasche drückt, ist eines völlig klar: "Det is ’ne Schraube ohne Ende."