Eine mysteriöse Affäre beschäftigt Paris – Wer tötete Maître Perrot?

Von Roger de Weck

Jacques Perrot blieb die letzte Zigarette versagt. Die kleine Flamme stach aus seinem Feuerzeug, näherte sich der Marlboro. Plötzlich fielen drei Schüsse; aus nächster Nähe setzte der Killer auf Herz, Kopf und Nacken an. Es war Freitag abend, 27. Dezember, kurz nach acht Uhr. Im Treppenhaus, zwischen dem ersten und dem zweiten Stock, quoll Blut auf die weißen Marmorstufen.

Der Mord am 39jährigen Pariser Rechtsanwalt Perrot, einem Geheimnisträger von Berufs wegen, ist ein heikler Fall für Kommissar Dufour. Nicht von ungefähr hat der Leiter der brigade criminelle acht seiner besten’Beamten mit den Ermittlungen betraut. Denn das Opfer war der engste Freund von Premierminister Laurent Fabius und außerdem der Mann einer in ganz Frankreich gerühmten Frau, der „Königin der Rennbahn Seine winzig kleine Ehefrau Darie Boutboul feierte als Jockey große Siege. Die Franzosen – ein Volk von Pferdenarren – verliebten sich in die süße Jockette, die im entscheidenden Augenblick ihren männlichen Mitbewerbern immer drei Pferdelängen voraus war. Wer auf sie und ihren Vollbluthengst Abdonski setzte (und hierzulande versteht man was von Wein, Weib und Wetten), traf keine schlechte Wahl.

Jacques Perrot aber hatte sich vergaloppiert, als er am 30. April 1982, nach kurzer Bekanntschaft, mit der zwölf Jahre jüngeren Darie Boutboul den Bund fürs Leben schloß. Der schönen Hochzeit folgte eine unschöne Ehe, nach dreieinhalb Jahren bereits die Trennung und der Streit um das Besuchs- und Sorgerecht für das Kind.

Als sie geheiratet hatten, war Darie in Erwartung des kleinen Adrien. Es war eine prächtige Hochzeit im Stil des XVI. arrondissements. Der sechzehnte ist der edelste, jedenfalls der teuerste Bezirk von Paris. Im Westen der Hauptstadt, wo Jacques Perrot, Darie Boutboul und Laurent Fabius aufgewachsen waren, ballt sich die Bürgerlichkeit. Es duftet nach Chanel N°5; es weht der Duft der kleinen, engen Welt. Die einheimischen Damen erkennt man am Flanellrock und am zartgelben Kaschmir-Ensemble, am seidenen Hermes-Schal über der doppelreihigen Perlenkette. Zur Straßenuniform gehören der Lodenmantel, die (echte) Louis-Vuitton-Tasche, seit jeher die feinen Mokassins und neuerdings die Swatch-Uhr. Man ist bon chic bon gerne, abgekürzt bcbg, man fährt übers Wochenende in die Normandie, am liebsten nach Deauville, man schickt die Kinder in eine exklusive Privatschule, da war schon der Großvater.

Und wie seinerzeit schon der Opapa liest man den erzkonservativen Figaro, die Männer im Büro, die Frauen in der geräumigen Wohnung. Monsieur schimpft über die Regierung, zumal die sozialistische, Madame wettert über das portugiesische Dienstmädchen. Monsieur ist Geschäftsmann, Madame ist geschäftig.