Von Klaus Zwingenberger

Als die US-Truppen im Frühjahr 1945 bei Penig in Sachsen an die Ufer der Zwickauer Mulde vorstießen, müssen sie sich sehr heimisch gefühlt haben: Sie waren in Amerika gelandet.

Wenige Jahre später, die GI’s hatten sich längst hinter Elbe und Werra zurückgezogen, entdeckte ich Amerika, an der Hand meines Großvaters, der seinen kleinen Enkel sonntags an der Mulde entlang spazierenführte. Meist wanderten wir auf der linken Flußseite in Richtung Rochsburg. Nach reichlich drei Kilometern war der Weg zu Ende. Er mündete in ein Fabriktor. Wir waren in Amerika – das behauptete zumindest Großvater. Denn außer besagtem Tor war nichts zu sehen, kein Ortsschild, nichts. Großvater machte stets nur unbestimmte Andeutungen. Nie ging er mit mir den Hang hinauf, auf dem jenes geheimnisvolle Amerika liegen sollte.

Großvater wußte auch von Amerika zu erzählen, vom richtigen. Seine Brüder lebten dort, schon seit den zwanziger Jahren. Sie schrieben Briefe, schickten bunte Bilder, manchmal auch ein Paket. Aber das kleine Amerika blieb unbesucht. Es war die Rede davon, daß Großmutter als junes Ding in der Fabrik gearbeitet hatte. Aber was dieses Amerika nun wirklich war, blieb mir ein Rätsel. Immerhin stand da ein Wegweiser in Penig: „Amerika 3 km“.

Erwachsen geworden und ins ferne Berlin verzogen, galten die seltenen Besuche in meiner Geburtsstaat vorwiegend dem Friedhof, wo Großvater und Großmutter zur letzten Ruhe gebettet wurden. Viel hatten sie mir beigebracht. Aber welches Geheimnis sich hinter dem Fabriktor unter dem Namen „Amerika“ verbarg, haben sie mit ins Grab genommen. Mit solch einem Rätsel kann man auf Dauer nicht leben. Eines Tages ging ich nicht nur zum Friedhof, sondern auch hinüber, nach Amerika an der Zwickauer Mulde.

Auf den ersten Blick zeigt das sächsische Amerika nur Fabrikgebäude aus einer Zeit, in der sich das richtige Amerika anschickte, eine Weltmacht zu werden. Dann der Bahnhof. Man muß schon zweimal hinschauen, um ihn als solchen zu erkennen. Er paßt aber ins Bild: Einsam und verlassen döst er vor sich hin, so wie in amerikanischen Filmen die Bahnhöfe aussehen. Auf dem leeren Bahnsteig kündet ein Schild noch stolz vom großen Namen. Die Strecke entlang der Mulde ist nicht etwa stillgelegt. Von Glauchau fahren hier die Züge nach Rocnlitz und nach Leipzig. Nach wie vor halten die Züge in Amerika, auch wenn es dort weder Fahrkarten noch Fahrpläne oder sonstige Zeugnisse eines lebendigen Bahnbetriebs gibt. Die Einheimischen, die oberhalb der Bahnlinie vor den fünf Häusern Amerikas ihr Schwätzchen halten, sprechen denn auch bescheiden nur noch von einem „Haltepunkt“.

Von den Häusern, in denen heute 50 Familien und etwa 120 Menschen wohnen, geht ebenfalls kein Glanz aus. Arbeiterunterkünfte des vergangenen Jahrhunderts sind es, zwar teilweise modernisiert, aber doch weit davon entfernt, schön oder wenigstens interessant zu sein. Im Hof stehen natürlich keine großen Schlitten von Ford oder GM, sondern schlichte „Trabants“ aus Zwickau und „Mokicks“ aus Suhl.