Der Tod. des „berühmtesten, zugleich aber umstrittensten deutschen Künstlers der Nachkriegszeit“ war auch der Bild-Zeitung eine Schlagzeile wert. In dieser freilich war von Beuys, dem Kunstprofessor, nicht vom Künstler die Rede – womit, wenn auch durch eine antiquierte Vokabel, sehr genau die Rolle eines Mannes beschrieben ist, der einem Frager aus dem Publikum einmal erklärte, Kunst komme von künden.

Joseph Beuys, der Künder, der Verkündiger: auch in den letzten Monaten, als sein ohnehin gezeichnetes Gesicht sich mehr und mehr in grauen Schatten aufzulösen schien, reiste er umher wie immer schon, baute Ausstellungen mit auf, gab Interviews, stand bei Eröffnungen dabei, nahm, sein allerletzter und sehr bewegender Auftritt, den „Lehmbruck-Preis“ der Stadt Duisburg entgegen.

Was wäre Beuys, der Mann mit der Weste und dem Filzhut, mit dem suggestiv stereotypen Kostüm, ohne die Medien gewesen? Berge von Interviews hat er gegeben. Immer war das Fernsehen da für ihn und er für das Fernsehen – nicht so sehr bei den Ausstellungen, wohl aber bei den Auftritten: 1972, als er mit seinen Studenten das Sekretariat der Düsseldorfer Kunstakademie besetzte und daraufhin vom damaligen Wissenschaftsminister Rau fristlos entlassen wurde; 1974, als er sich, in Filz eingewickelt, in der New Yorker Dependance der Galerie René Block sieben Tage lang mit einem wilden Coyoten in einen käfigartigen Raum einsperren ließ; im selben Jahr, als er zusammen mit Heinrich Böll eine „Freie internationale Hochschule für Kreativität“ gründete; 1977, als er fast 100 Tage auf der Kasseler Documenta saß und mit den Besuchern über Kunst und Politik diskutierte; 1980, als er für die „Grünen“ in den Bundestag ziehen wollte; 1982, als er auf dem Gelände der Documenta in Kassel 7000 Basaltsteine abladen ließ, mit denen er eine Aktion Stadtverwaldung (mit jedem Stein, den ein Käufer erwarb, wurde in der Stadt eine Eiche gepflanzt) startete; 1984, als er in Hamburg mit dem Projekt eines „ökologischen Gesamtkunstwerks“ für das Hafenschlick-Spülfeld in Altenwerder Aufsehen erregte.

„Zeige Deine Wunden“ heißt eine große Arbeit von Beuys, die 1976, nach einem ersten Herzinfarkt entstand: Ein Environment bestehend aus Werkzeugen, Schultafeln, Fettkisten und zwei Leichentischen sowie anderen Gegenständen, die Krankheit und Tod assoziieren. Und Joseph Beuys, den der englische Kunstkritiker John Rüssel einmal „zutiefst und unumstößlich deutsch“ und einen Bruder von Paracelsus und Parcival nannte, zeigte auf die Wunden der Welt. In einer unendlichen Passionsgeschichte stellte er, der 1942 bei einem Stuka-Absturz in Rußland nicht nur knapp dem Tod entging, sondern von Filz und Fett geschützt auch auf wunderbare Weise am Leben erhalten wurde, den Gekreuzigten und den Erlöser in wechselnden Auftritten dar. Auch Bayreuth und Oberammergau liegen in Deutschland.

Joseph Beuys, dessen fragile Erscheinung, leise Rede und totaldemokratische Forderungen immer das sanfte Gesetz suggerierten, war ein durchaus insistierender und, trotz aller anthroposophischen Erklärungen und homöopathischen Einlagen auch bewußt mit phobischen Mitteln und einschüchternden Wirkungen arbeitender Messias der Kunst. Filz und Fett, Metall und Hasenpfote, Blut und Knochen, die von ihm bevorzugten Materialien, bekommen ja nur im Zusammenhang regressiver Mythologien eine positive Komponente. Und daß Steine als Material der Kunst eher die Aggression provozieren als die Friedfertigkeit, zeigte Beuys selber, der die Polizei rief, als ein paar Scherzbolde sein Basaltgebirge in Kassel rosarot ansprühten.

Joseph Beuys, der aus einer keltisch katholischen Enklave stammte, die mitten im niederrheinisch holländischen Protestantismus liegt, hat sein Leben und seine Person in ein einziges monodramatisches Werk verwandelt. Von seinen Aktionen und Auftritten bleiben die Reste und Relikte, die Fetische im Museum, die Photos und Filme – all das wäre in einem progressiven Theatermuseum ebenso gut aufgehoben wie in einem Kunstmuseum. In den Kupferstichkabinetten aber bleiben seine Zeichnungen, Blätter mit den zarten Kürzeln und verwehten Spuren jahrtausendealter Geschichten, erfahren und imaginiert von einem Nachkommen, der alles zum letzten Mal von vorn beginnen wollte.

John Cage, der stille Beweger der Gedanken, Bilder und Klänge, der große Märchenerzähler unserer Zeit, hat in seiner Vorlesung über „James Joyce, Marcel Duchamp, Eric Satie – ein Alphabet“ eine schöne Geschichte für den großen Künder erfunden: „Joseph Beuys, der zwei Fasane gefangen hat, einen aus Silber, einen aus Gold, erklärt den beiden Joyces ‚Finnegans Wake‘, obwohl Joyce natürlich selber da ist und sie leben. Er fängt mit seinem Kiefer an, spricht aber nicht, sondern bewegt ihn nur seitwärts, die Vögel schauen aufmerksam zu, dann legt er einen kleinen irischen Volkstanz hin, die Fasane antworten mit einem so erratischen Quickstep, daß die Gäste ins Schweben geraten, Beuys zerreißt seine Weste in Fetzen, das macht die Fasane so glücklich, daß sie nicht mehr an sich halten können. Sie springen auf seine Schultern und fliegen dann in Richtung des Mondes, zwei Federn zurücklassend. Gerade bevor sie verschwinden, denkt Beuys „Dschungel“, indem er seine Stirn mit den beiden Federn berührt. Das hat eine magische Wirkung. Die Fasane erscheinen wieder, so, als seien sie nie fortgeflogen. Im Tausch gegen die Federn gibt Beuys den Vögeln elektrische Nester aus Filz, die überall eingestöpselt werden können.“ Petra Kipphoff