Von Peter Christ

Das Duell geht weiter: Saudi-Arabien gegen alle anderen Ölstaaten. Das Königreich auf der arabischen Halbinsel setzt die bis zur Unglaubwürdigkeit wiederholten Drohungen in die Tat um. Seit knapp zwei. Monaten überschwemmt saudisches Rohöl wie seit langem angekündigt den Weltmarkt und unterspült die Preise.

Öl der Sorte Brent aus der englischen Nordsee kostete vergangene Woche nur noch etwas mehr als siebzehn Dollar pro Barrel (ein Barrel hat 159 Liter). Im November mußten für ein Barrel Brent noch dreißig Dollar bezahlt werden. Der Preis für texanisches Rohöl fiel an der New Yorker Warenbörse knapp unter zwanzig Dollar. So billig war Rohöl seit der iranischen Revolution im Jahr 1979 nicht mehr.

Die Verbraucher profitieren weltweit von der Ölflut. Die Tankstelle des Supermarktes Interkauf in Hude bei Bremen bot am vergangenen Samstag Normalbenzin und Diesel für 99,9 Pfennig an. Heizöl gibt es schon für 55 Pfennig je Liter (einschließlich Mehrwertsteuer). Ein Ende des Preisverfalls ist kaum abzusehen.

Vergangene Woche meinte Saudi-Arabiens Ölminister Scheich Ahmed Saki el-Jamani, der Ölpreis könne auf fünfzehn Dollar rutschen. Die kuwaitische Nachrichtenagentur Kuna meldete, die Opec sei sogar bereit, Ölpreise von dreizehn Dollar hinzunehmen. Und der gewiß nicht zu den Katastrophenpropheten zählende Chef der Deutschen Shell, Cornelius Herkströter, hält es für möglich, daß der Ölpreis in die Nähe von zehn Dollar je Barrel fällt.

Die Weichen in dieses „Chaos auf dem Weltmarkt“ (Kuwaits Ölminister el-Sabah) hatte Saudi-Arabiens König Fahd schon im vergangenen Sommer gestellt. Der Herrscher war es einfach leid, sich weiterhin mit einer Ölförderung von rund zwei Millionen Barrel pro Tag zu begnügen, obwohl ihm das Opec-Kartell eigentlich 4,3 Millionen zugestanden hatte. Die saudische Selbstbeschränkung nutzten andere Opec-Mitglieder zu absprachewidriger Überproduktion. Und außerhalb des Kartells pumpten vor allem Großbritannien und Norwegen mit voller Kraft ihr Nordseeöl auf die einst angestammten Opec-Märkte. So deckten Briten und Norweger im vergangenen Jahr fast ein Drittel der deutschen Öleinfuhr. Saudi-Arabien rangierte mit einem Anteil von 4,5 Prozent unter ferner liefen, weil es sich lange Zeit an die im Kartell festgelegten Preise gehalten hatte. Damit solle nun Schluß sein, wies der König seinen Ölminister an.

Innerhalb weniger Wochen verdoppelte das Königreich seine Ölförderung auf vier Millionen Barrel täglich, weil es seinen Kunden das Verlustrisiko abnahm. Denn die Saudis verlangten für ihr Öl nur noch soviel Geld, wie nach der Verarbeitung in den Raffinerien der Abnehmer und nach dem Verkauf der Produkte übrigblieb. Mittlerweile hat diese Verkaufsmethode die Exporte auf rund fünf Millionen Barrel pro Tag wachsen lassen. Weil andere Opec-Staaten ihr Geschäft ähnlich trickreich betreiben, produziert das Kartell nach Untersuchungen des Informationsdienstes Petroleum Intelligence Weekly gegenwärtig 18,4 Millionen Barrel und damit 2,4 Millionen Barrel mehr als kartellintern abgesprochen. Und weil der Winter in Europa und den Vereinigten Staaten bisher relativ mild ausgefallen ist, gibt es keinen Bedarf für soviel Öl. Nach Meinung der Internationalen Energie-Agentur in Paris übertrifft das Opec-Angebot die Nachfrage um etwa drei Millionen Barrel pro Tag. Diese von den Saudis bewußt ausgelöste Ölschwemme richtet sich in erster Linie gegen Großbritannien und Norwegen, aber auch gegen die eigenen Kartellbrüder. Vor allem die Briten sind der Opec ein Ärgernis. Seit 1981 haben sie ihre Förderung von 1,8 auf 2,5 Millionen Barrel im vergangenen Jahr gesteigert, während dem Opec-Kartell und besonders Saudi-Arabien die Kunden wegliefen. Nur noch die beiden Supermächte USA und Sowjetunion und jetzt wieder Saudi-Arabien fördern mehr Öl als Großbritannien. Während die um stabile Ölpreise kämpfenden Saudis ihre Förderung von gut zehn Millionen auf kaum mehr als zwei Millionen Barrel drosselten und dabei gegenüber 1981 auf drei Viertel ihrer Einnahmen verzichteten, sahnte die britische Regierung auf dem Ölmarkt ab. Sie scherte sich nie darum, was die Opec machte, sondern ließ die Nordseequellen mit voller Kraft sprudeln und überließ den Preis dem freien Spiel von Angebot und Nachfrage.