Schon im Oktober 1983 hatte Bernhard Wördehoff, Chefredakteur des Deutschlandfunks in Köln, einem ZEIT-Redakteur erklärt: „Meiner Aufgabe beim Sender sind die Grundlagen entzogen.“ Nun ist die Wende auch nach außen hin vollzogen: Letzte Woche beschloß der Verwaltungsrat, Wördehoff vorzeitig aus seinem Vertrag zu entlassen. Er tat dieses im Einvernehmen mit dem Intendanten, dem SPD-Mitglied und Gewerkschafter Richard Becker, der nach eigenem Eingeständnis mit seinem Chefredakteur schon seit längerem „nicht mehr konnte“.

Für Bernhard Wördehoff, einem liberalen, überzeugungstreuen, freilich auch wenig umgänglichen Journalisten, dürfte die Entlassung zugleich eine Erlösung bedeuten, Er hatte, verantwortlich für die Abteilung Politik und Zeitgeschehen und für die anderen deutschsprachigen Programme, die „geistig-moralische Wende“ im Sender noch massiver miterleben und miterleiden müssen als die meisten der seiner Fürsorge und Standhaftigkeit anvertrauten Redakteure.

Schon im September nach der Kohl-Wahl wurde den Redakteuren ein Verhaltenskodex oktroyiert, der sie nicht nur auf „die Wertordnung des Grundgesetzes“ verpflichtete, sondern ihnen auch noch vorschrieb: „Der einzelne Rundfunkjournalist hat ‚ein Recht auf eigenständige Kommentierung zulässigerweise nur zur funktionsbedingten Wahrnehmung eines öffentlichen Programmauftrages ... und nicht zur Entfaltung seiner Persönlichkeit‘.“ Dieser Satz war wörtlich einem Urteil des Oberverwaltungsgerichts Münster entnommen, das gegen einen kommunismus-verdächtigen Journalisten des Westdeutschen Rundfunks ergangen war.

Die Deutschlandfunk-Redakteure bekamen den neuen Wind zu spüren: Durch fortwährende Interventionen des von den Regierungsparteien majorisierten Rundfunkrates. Dessen stellvertretender Vorsitzender Oskar Klemmert (CSU) nannte das Ziel ganz offen: Für ihn sei „entscheidend eine Programmreform, die zu einer Änderung der inneren Einstellung zahlreicher Redakteure... führe“. Klemmert, der den oft abwesenden Vorsitzenden Wolfgang Mischnik (FDP) in den Sitzungen des Rundfunkrates vertritt, gab immer wieder zu Protokoll, was ihm an einzelnen Sendungen mißfiel: „Durchgängig praktizierte und einseitig linkslastig orientierte Inhalte“, „einseitig und polemisch gegen die christlich-liberale Koalition gerichtete Stimmungsmache“. Selbst die Auswahl von Interviewpartnern, die nicht bereit waren, im Gespräch mit dem Redakteur bloße Regierungspropaganda zu verbreiten, bemängelte Klemmert.

Mit der angekündigten Entlassung Wördehoffs haben die Regierenden in Bonn im Sender endgültig die Macht ergriffen. Mit weiteren Personalveränderungen auf der mittleren und unteren Ebene ist zu rechnen, es sei denn, die „innere Einstellung“ der Redakteure änderte sich nach dem Hinauswurf ihres Chefs in der gewünschten Richtung.

Hans Schueler