Hamburg: "Antonius Höckelmann"

Ist er nun ein "Wilder", oder ist er keiner? Auf den großen Gruppenausstellungen "Zeitgeist", "Von hier aus", auch "Paravents" war er wie diese dabei. Er zeichnet in seiner Weise expressiv. Deutliche Anleihen beim Symbolismus, beim Futurismus, ein maniristischer Zeichenduktus unterscheiden ihn wieder von den Stars. Züngelnde, anschwellende Formen, die muschelige Becken bilden, sich dehnen zu wurmartigen Auswüchsen, aufsteigen zu spitzen vollen Brüsten, einem Mädchenkopf: Vor die Augen des Betrachters setzt Höckelmann eine ewige, mit Irrlichtern durchsetzte Walpurgisnacht. Fratzenhafte Gnomen mit Nebel- und Dunstgesichtern tauchen da auf. Medusenhaft zieht eine fremde Judith ihr Opfer Holofernes magisch an. Die Grenze zum Kitsch, ist sie gerade erreicht – oder vielleicht schon überschritten? Höckelmann taucht uns in eine Welt der Gesichte, des orgiastischen Rauschs, sei’s sexuell erregt, sei’s geschwindigkeitstrunken im Sulky auf der Trabrennbahn, sei’s schreck- und übelkeitsgepeinigt vor einem schleimig-blutigen Etwas. Phantasien, die der gelernte Bildhauer in Zeichnungen und, fast um es noch begreifbarer werden zu lassen, in dreidimensionalen Plastiken wirklich werden läßt. Diese Skulpturen, zwirselige knotige Wesen, sind aus Styropor, Alufolie, auch Stahlwolle gearbeitet. Durch ihre farbige Fassung blinkt das fahle Weiß des Kunststoffs. Mit Leim bestrichene Gaze läßt den Betrachter vollends an die schleimigen Ungeheuer aus Lovecrafts Endzeitgeschichten denken. Nicht Karikatur, besessene Deformation scheint Höckelmanns heimliches Bestreben zu sein. 1937 in Oelde geboren, etwa so alt wie die Altmeister Baselitz (geb. 1938) oder Lüpertz (geb. 1941), wurde er wie diese von dem Galeristen Michael Werner (Köln) vertreten. Mitte der siebziger Jahre, noch vor dem ganz großen Erfolg der neuen Malerei, trennte er sich von diesem. Anders als seine Kollegen hatte er kein Pandämonium gedichtet, kein dithyrambisches Manifest verfaßt, ließ sich seinerseits von Baselitz beeinflussen. Höckelmann ist nicht so bekannt geworden wie die Stars. Eher ein Grenzläufer, begleitet er das Trendgeschiebe. (Kunstverein bis zum 2. März. Katalog 28 Mark.) Elke von Radziewsky

Nürnberg: "3. Internationale Triennale der Zeichnung"

Die Zeichnung ist nicht mehr das Medium, in dem sich die Absichten der Kunst am deutlichsten zu erkennen geben. Seit die junge Generation das Malen wiederentdeckt hat, ist die Leinwand der Ort, an dem der aktuelle Trend sichtbar wird. Und so ist es wohl kein Zufall, daß nicht wenige der rund fünfhundert Zeichnungen von 135 Künstlern aus siebzehn Ländern verkappte Gemälde sind, die auf Grund der Ausschreibungsbedingungen sich als "Arbeiten auf Papier" präsentieren. Keine(r) der Beteiligten ist älter als 35 Jahre, die Triennale spiegelt folglich ziemlich genau, was Künstler, welche die siebziger Jahre vielleicht schon bewußt erlebt haben, heute beschäftigt. Wenn man von Entwicklungsländern in Sachen Kunst wie Ägypten einmal absieht und auch von Staaten mit einer offiziellen ästhetischen Generallinie (die Auswahl aus der Sowjetunion betont auffällig die Verpflichtung auf den sozialistischen Realismus), dann kristallisiert sich ein ziemlich einheitliches Bild heraus, mit Randunschärfen und regional unterschiedlichen Schattierungen. Es zeigt die weltweite Faszination, welche die Verbindung des Heftigen mit dem Banalen ausgelöst hat. Die Temperaturen schwanken, tropisch überhitzt in Brasilien, merklich abgekühlt in Italien (dabei fällt wieder einmal die Fähigkeit der jungen Australier, Realität symbolisch zu überhöhen, auf). Die Dreißigjährigen reagieren spontan auf eine Wirklichkeit, die immer unübersichtlicher erscheint. Die vier Bildhauer Magdalena Abakanowicz, Eduardo Chillida, Richard Serra und Jean Tinguely, die in einer eigenen Abteilung mit Zeichnungen und Proben ihres plastischen Werkes vorgestellt werden, besitzen eine sichere Perspektive, aus der sie die Welt betrachten. Das macht den Unterschied aus – und der hat auch zu tun mit dem Geburtsdatum. (Kunsthalle, Norishalle und Germanisches Nationalmuseum, bis zum 16. Februar, anschließend in Linz; der zweibändige Katalog kostet 35 Mark.) Helmut Schneider

Wichtige Ausstellungen

Berlin: "Kunst im Exil – Großbritannien 1933-1945" (Orangerie im Schloß Charlottenburg bis 23. 2., Katalog 23 DM)

Bielefeld: "Die Rückkehr der Barbaren – Europäer und ‚Wilde‘ in der Karikatur Honoré Daumiers" (Kunsthalle bis 9. 2., Katalog 28 DM)