Von Heinz-Günter Kemmer

Die Schlüsselzahl steht auf Seite sieben eines Informationsheftes, das der Thyssen-Vorstand traditionell zusätzlich zum Geschäftsbericht auf den Bilanzpressekonferenzen des Unternehmens verteilt. Auf dieser Seite sind Gewinne und Verluste des Geschäftsbereichs "Investitionsgüter und Verarbeitung" detailliert dargestellt. Da steht hinter dem Firmennamen Budd eine positive Zahl: 158 Millionen Mark.

Das heißt, daß die im April 1978 für rund sechshundert Millionen Mark gekaufte "The Budd Company" in den USA nach fünf verlustreichen Jahren wieder Geld verdient hat, eben jene 158 Millionen Mark – vor Ertragssteuern allerdings. Damit ist endlich ein Loch gestopft, das sich bei Thyssen unversehens auftat, den Aktionären zwei dividendenlose Jahre bescherte und eine Fronde im Aufsichtsrat den Kopf von Konzernchef Dieter Spethmann fordern ließ.

Wenn Spethmann auf dem Höhepunkt der Krise – in der Hauptversammlung am 30. März 1984, bei der es für ihn um Kopf und Kragen ging – für das Geschäftsjahr 1984/85 einen Gewinn vor Steuern von mehr als einer Milliarde Mark vorausgesagt hätte – er wäre ausgelacht worden. Doch die Milliarde ist inzwischen Wirklichkeit geworden. Thyssen zahlt seinen Aktionären eine Dividende von zehn Prozent und bleibt damit sogar noch weit hinter seinen Möglichkeiten zurück.

Aus dem Konzerngewinn von 472 Millionen Mark sind vorab 293 Millionen in die Rücklagen geflossen. Es wäre also ein leichtes gewesen, die bisherige Spitzendividende von vierzehn Prozent darzustellen, aber der Vorstand setzte die Prioritäten anders. Nach den mageren Jahren sollten zunächst einmal die Reserven gestärkt werden.

Das exorbitant gute Ergebnis verdankt Thyssen seinem Traditionsprodukt Stahl, das mit einem Gewinn von 691 Millionen Mark rund zwei Drittel zum Konzernergebnis beigetragen hat. Eine Schlankheitskur bei der vor drei Jahren selbständig gewordenen Thyssen Stahl AG, eine bescheidene Mengenkonjunktur und steigende Preise haben ein kleines Wunder bewirkt. Dabei hat Thyssen vom Stahlboom besonders profitiert, weil, so versichert Spethmann, "niemand in Europa Stahl so billig produziert wie wir".

Der Thyssen-Chef traut der Sache allerdings nicht so recht über den Weg. Schließlich steckte die Stahlproduktion vor zwei Jahren noch tief in den roten Zahlen, schließlich sind die Wettbewerbsverzerrungen in Europa noch nicht beseitigt. "Wenn wir nicht mit den Finanzministern Europas im Wettbewerb stünden", sagt Spethmann, auf die ungleich höheren Subventionen in den Nachbarländern der Bundesrepublik anspielend, "dann wären wir als Thyssen super." Es liegt aber nicht nur an den Wettbewerbsverzerrungen, daß Spethmann die Zukunftschancen des Konzerns nicht ausgerechnet beim Stahl sieht. "Wir sind", so sagt er, "zwei Jahrzehnte lang bewußt den Stahlweg gegangen." Warum dieser Weg verlassen wurde, warum Thyssen 1973 den Verarbeitungskonzern Rheinstahl und 1978 Budd kaufte, macht Spethmann mit meteorologischen Begriffen klar: "1967 gab es das erste Wetterleuchten, im Herbst 1970, nach einem kurzen Zwischenhoch, ein Gewitter, und im Herbst 1974 brach die Eiszeit aus, die bis heute andauert."