ZEIT: Welche Bedeutung hat die Genfer Begegnung zwischen dem sowjetischen Generalsekretär und dem amerikanischen Präsidenten für die beiden deutschen Staaten?

Erich Honecker: Das Genfer Gipfeltreffen und seine Ergebnisse, die wir als ermutigend und positiv begrüßt haben, sind von großer Bedeutung für die gesamte Menschheit. Daraus ergeben sich günstige Bedingungen für die Lösung der Hauptfrage, eine nukleare Katastrophe zu verhindern, das Wettrüsten auf der Erde zu beenden und seine Ausdehnung auf den Weltraum nicht zuzulassen. Gerade auch für Europa, für die Deutsche Demokratische Republik und die Bundesrepublik Deutschland hängt hiervon eine friedliche Zukunft ab. Niemand würde etwas verlieren, alle würden gewinnen. Erste Schritte zur Abrüstung, wie sie den Resultaten des Genfer Gipfels entsprechen, wären geeignet, eine weitere Anhäufung von Waffen auf deutschem Boden zu stoppen, mehr Sicherheit zu erreichen, Frieden zu schaffen mit immer weniger Waffen. =

Sie wissen, Herr Sommer, daß Michail Gorbatschow ein umfassendes Programm zur Befreiung der Welt von Atomwaffen bis zum Jahr 2000 unterbreitet hat. Die DDR hat ihre volle Zustimmung bekundet. In diesem Programm sehen wir eine historische Chance. An ihm beeindruckt nicht nur die Kühnheit der Vision, sondern vor allem, daß es bei einem entsprechenden Herangehen auf beiden Seiten realisierbar ist. Wer den Frieden ernsthaft will, den kann die Vorstellung einer Welt ohne Atomwaffen nur in seiner Entschlossenheit bestärken, alles, was ihm möglich ist, zur Verwirklichung dieses großartigen Ziels beizutragen.

Die Sowjetunion hat mit dem jetzt vorgelegten Programm, man könnte es das Programm unseres Jarhunderts nennen, erneut ihre feste Absicht bekäftigt, auf dem Wege der Friedenssicherung voranzukommen. Ich bin überzeugt, daß es möglich ist, mit dieser globalen Konzeption zur Abrüstung, verkündet zu Beginn des Internationalen UNO-Friedensjahres, jedes der kommenden Jahre zu einem Jahr des Friedens zu machen. Gewaltige Mittel würden dann für die Menschheit und ihren Fortschritt frei. Die Völker könnten tatsächlich aufatmen.

Vom Genfer Gipfel gingen wichtige Impulse aus, um die internationale Lage insgesamt zu verbessern. Jetzt kommt es darauf an, daß die Ergebnisse dieses Treffens gut genutzt werden. Alle Staaten, Regierungen, Parteien, gesellschaftlichen Kräfte sind aufgerufen, den Weg zur nuklearen Abrüstung ebnen zu helfen. Auch für beide deutsche. Staaten ergeben sich vielfältige Möglichkeiten, ihrer Verantwortung für den Frieden gerecht zu werden und für eine sichere Perspektive ihrer Völker, ja der gesamten Menschheit zu wirken.

ZEIT: Die Deutsche Demokratische Republik und die Bundesrepublik Deutschland sind fest in verschiedene Bündnisse eingebettet. Aus ihrer Lage an der Trennlinie zwischen den beiden Gesellschaftssystemen und Militärkoalitionen ergibt sich jedoch eine besondere Verantwortung und auch ein spezifisches Interesse. Wie würden Sie diese Verantwortung, dieses Interesse definieren?

Honecker: In der Tat entsteht aus der Lage der beiden deutschen Staaten an der sensiblen Trennlinie zwischen Warschauer Vertrag und NATO eine besondere Verantwortung, die heute größer ist denn je. Sie ergibt sich schon aus der Geschichte. Von deutschem Boden sind die beiden furchtbarsten Kriege im Leben der Völker ausgegangen. Ein dritter Weltkrieg, ein nukleares Inferno wäre die Selbstvernichtung der Menschheit.