Von Manfred Sack

Vor zwanzig Jahren war die Ruhr-Universität Bochum das Größte. Als der Strom der Studenten über alle Ufer trat, rechnete man nach dem Einmaleins der Planer, nicht der Baukünstler. Bochum wurde zum Triumph des Sachzwangs: Rastermaß, Typisierung, Fertigteile aus Beton, Stapelbarkeit, Bebauungsdichte. Genauso malt man sich heute das Schreckensgespenst der Moderne aus: einen Kilometer lang, einen halben breit, ein monströses Achsenkreuz mit vier Bezirken, bebaut mit Reihen von zwölfstöckigen Riegeln, einer wie der andere: kein Ort, nur ein Konglomerat von Gebäuden.

Zehn Jahre später, Mitte der siebziger Jahre, wußte man im hessischen Kultusministerium vor allem, daß Kassel nicht Bochum werden sollte, sondern ganz etwas anderes. Die Neubauten der Gesamthochschule wurden auch nicht, wie anfänglich vorgeschlagen, weit draußen auf der Dönche, auf freiem Feld errichtet, sondern der Innenstadt benachbart. Dort hatte Thyssen 1976 das Henschelwerk am Holländischen Platz aufgegeben, einen großen Komplex am Nordrand der Innenstadt, das bewunderte Paradestück war darin eine große dreischiffige Lokomotiv-Montagehalle.

Hier also, auf dem leergeräumten Fabrikgelände, nur wenige Minuten Fußweg vom Stadtzentrum entfernt, ensteht nun keine weitläufige Campus-Universität, sondern eine Hochschule, die so übersichtlich und so eng, so idyllisch und so gemütlich sein will wie eine mittelalterliche Kleinstadt. Zwar ist sie, unlängst eröffnet, noch nicht fertig; trotzdem sieht man ihr an, daß sie sich angestrengt bemüht, alt zu wirken und lieber ein bißchen mehr von gestern als von morgen zu sein. Ach, wenn im Frühling die Blätter an den Straßenbäumen sprießen, die Blumen blühen, der Rasen unten und auf den Dächern grünen wird, dann werden sich die Studenten und die Dozenten mit Begeisterung hier ergehen: in Neu-Kassel, das ein Alt-Heidelberg sein will.

Mit diesem Konzept hatten die Stuttgarter Architekten Horst Höfler und Lutz Kandel nach und nach Erfolg gehabt. Waren sie beim ersten Wettbewerb um den Bau der Gesamthochschule vor acht Jahren noch zweite, kamen sie nach der Überarbeitung ihres aufgelockerten Entwurfs in den ersten Rang und wurden mit dem Bau beauftragt.

Die Hoffnung, wenigstens das Mittelschiff der großartigen Lok-Montagehalle für die Hochschule zu erhalten, war unterdessen gescheitert. Der alte Bau war, wie befürchtet, nicht als zusätzliches Geschenk der Geschichte betrachtet, sondern in die Kubikmeter-Rechnungen der Neubauten einbezogen worden, und da man ihn auch den modernsten Bau- und Brandvorschriften unterwarf, unnachgiebig, blieb nur seine Entfernung aus einem schönen Traum. Es blieb nur eine andere alte Halle übrig; sie wurde für das Rechenzentrum modernsten Ansprüchen angepaßt – und so sieht sie nun aus, perfekt und banal, nicht neu, nicht alt.

Ihren Erfolg verdankten die beiden Stuttgarter Architekten, die sich bis dahin vorwiegend als Planungstheoretiker bekannt gemacht hatten, dem heimeligen Arrangement ihrer Gebäudeversammlung. Sie legten eine breite Diagonale durch das annähernd quadratische Viertel, eine Art von Hochschul-Boulevard, an dem allerlei öffentliche Annehmlichkeiten – Café, Läden – vorgesehen sind, und flankierten ihn auf der einen Seite mit der riesigen Bibliothek, die nächstes Jahr vollendet wird, auf der anderen mit dem Komplex dreier großer Hörsäle.