Von Wolfgang Gehrmann

Gemessen an seinem üblichen Frohsinn wirkte Norbert Blüms Begeisterung diesmal merklich verhalten. "Selbstbeschränkung aus Einsicht paßt besser zur sozialen Marktwirtschaft als Handeln unter staatlichem Zwang", so kommentierte Bonns Sozialminister im vergangenen Oktober etwas schwunglos die gute Nachricht, daß die Unternehmen der pharmazeutischen Industrie einen zwei Jahre währenden Preisstopp vereinbart hatten.

Drei Jahre lang hatte Blüm vergebens versucht, mit allerlei Verordnungen und Drohungen die beängstigend steigenden Ausgaben der Krankenkassen für immer mehr und immer teurere Medikamente zu drosseln. Im vergangenen Herbst gaben die gut verdienenden Arzneihersteller endlich freiwillig nach. Doch triumphierende Worte von Durchbruch und Erfolg mochte der für optimistische Sprüche sonst allzeit gute Minister dafür nicht wählen.

Der Verzicht auf Jubel war begründet. Blüm und etliche Eingeweihte wußten schon damals, was erst allmählich für alle offenbar wird: Die plötzliche Konzilianz der Pharmakonzerne mußten Bonns wackere Streiter wider die wuchernden Kosten der Sozialversicherung teuer erkaufen. Die Pharmalobby hat der Regierung als Prämie für den Preisstopp eine Neuerung im Arzneimittelgesetz abgehandelt, die den Wettbewerb dämpfen wird – und die Preise womöglich bald schon mehr denn je treibt. Wenn stimmt, was Pessimisten befürchten, hat Kostendämpfer Blüm sich böse verheddert.

Helmut Kohls Kabinett hat in einer Novelle zum Arzneimittelgesetz, die gerade im Bundesrat behandelt wird, die Zulassung neuer Medikamente reformiert. Newcomer am Pharmamarkt werden dadurch künftig nicht mehr so leicht mit aggressiven Niedrigpreisen gegen die etablierten Großkonzerne antreten können.

Seit längerem fühlen sich die Pharma-Marktführer wie Bayer und Hoechst, Schering, Merck oder Boehringer Mannheim durch Attacken kleiner, billiger Konkurrenten gestört. Solange ihre Produkte durch Patente geschützt sind, können die großen Arzneikonzerne unbehelligt von Wettbewerbern hohe Preise nehmen und gut verdienen. Doch wenn der Erfinderschutz nach zwanzig Jahren endet, sind tags darauf Konkurrenten mit Kopien des patentfreien Medikaments am Markt, die sie zu Spottpreisen verkaufen.

So ging es zum Beispiel Hoechst und Boehringer Mannheim. Im Juli 1983 lief der Patentschutz für ihr gemeinsam entwickeltes Diabetesmittel Euglucon ab – mit 170 Millionen Mark Jahresumsatz damals das bestverkaufte Medikament in der Bundesrepublik. Billige Nachahmer zwangen Hoechst und Boehringer zu Preissenkungen um fünfzig Prozent und drückten den Umsatz der Erfinder auf achtzig Millionen Mark.