In Wellen entlädt sich die Wut der Türken über ihren in Deutschland permanent verletzten Nationalstolz. Als 1981 die Bundesregierung den Zuzug von Verwandten begrenzte, verglich Milliyet dies mit der Judenverfolgung im faschistischen Deutschland. Und als 1983 Anreize für die Rückkehr von Türken („Kopfprämie“) beschlossen wurden, fragte Günaydin: „Bringt die Wirtschaftskrise in Deutschland einen neuen Hitler hervor?“

Regelmäßig werden seither Türkenwitze aus Almanya in den Zeitungen abgedruckt und Deutsche zitiert, die Türkenfeindliches von sich geben, wie zum Beispiel die Geschäftsführerin einer wegen gesundheitsschädlicher Produkte angegriffenen Nudelfirma: „Wenn Sie einen Salatkopf essen, den vorher eine Türkin angefaßt hat, dann haben Sie viel mehr Bakterien auf dem Tisch als bei unseren Nudeln.“

Der Mord an Ramazan Avci hat den lange unterdrückten Schmerz dieser ständigen kleinen Messerstiche spürbar werden lassen. Der „deutsche Rassismus“ taucht in den türkischen Zeitungen nun so selbstverständlich auf wie früher der „deutsche Fleiß“. Längst geht es nicht mehr allein um den Mord. „Die häßliche Quittung für den deutschen Rassismus: Jeder sechste Türke ist nervenkrank“, meldet Tercüman und zitiert einen deutschen Psychiater, der permanente Angst als Ursache für die starke Zunahme psychischer Erkrankungen bei Türken nennt. Und auch für den hohen Anteil türkischer Sonderschüler (40 Prozent) wird der „deutsche Rassismus“ verantwortlich gemacht. „Was der Schwarze in Südafrika, ist der Türke in Deutschland“, schreibt Cumhuriyet.

Der gurbetçi, wie die türkische Presse den Türken in der Bundesrepublik nennt, der „Exilant“ bringt seinen hilflosen Zorn in Form von Leserbriefen zu Papier: „Was sich da im 20. Jahrhundert in der Bundesrepublik abspielt, das muß man gesehen haben! Ist denn die Menschlichkeit tot?“

„Wir waren nach dem Zweiten Weltkrieg die ersten, die die Deutschen als Staat anerkannten. Es gibt keine andere Nation auf der Welt, die die Deutschen so bewundert wie wir. Das ist endgültig vorbei.“

„Entweder sterben wir, oder wir landen im Gefängnis. Der Staat und seine Politiker, die Polizei, die Ärzte, die Richter, die Sozialämter, alle sind einseitig. Warum sind alle gegen uns?“