Was könnte bizarrer sein? Ausgerechnet die beiden Linken im Rundfunkrat des Senders Freies Berlin, der Schriftsteller Yaak Karsunke und Stefan Reisner, Entsandter der Alternativen Liste, wollen den parteilosen Intendanten Lothar Loewe ersetzen durch den Staatssekretär und politischen Ziehvater Eberhard Diepgens, den Sprecher der Regierung und CDU-Mann: Winfried Fest. Sie wollen also einen unabhängigen Intendanten durch einen Mann ersetzen, der doch in ihren Augen der Chefpropagandist des Staates ist.

Und auch dieses ist absonderlich: Der wichtigste Sozialdemokrat im Rundfunkrat des SFB, Michael Pagels, Vertreter des Deutschen Gewerkschaftsbundes, würde einer Wahl Fests zustimmen. Fest, der Bruder übrigens des FAZ-Herausgebers Joachim Fest, beantwortet die Frage, ob er denn ja sagen würde, ausweichend, "ich habe einen interessanten Job", sagt er, "die Frage ist im Augenblick nicht aktuell, überhaupt: einen Sender zu übernehmen, der 25 Millionen Mark Schulden hat, das ist wirklich kein Vergnügen".

In Wahrheit ist die Frage aktuell, denn der Antrag, Loewe abzuwählen, wurde vergangenen Montag nur vertagt, aus formalen Gründen. Mitte Februar wird er wieder den Rundfunkrat des SFB beschäftigen, auf einer Sondersitzung. Und – auch dies kommt der Wahrheit näher – in privater Runde hat Fest gesagt, er würde gerne Intendant werden, das erzählt jedenfalls Stefan Reisner. Unverständlich wäre der Wunsch nicht. Die regierende Berliner CDU wird just von einer Korruptionsaffäre eingeholt, und der integere Fest möchte eigentlich nicht decken müssen, was da an Schmutz und Filz hochkommt. Und endlich einmal nicht zweiter Mann sein, sondern erster, wäre das nicht eine schöne Vollendung der Karriere?

Eine nahezu ideale Situation für die regierende CDU: Sozialdemokraten und Linke führen den Dolch gegen Loewe; der eigene Mann, Fest, würde über Nacht zum unabhängigen Leiter eines unabhängigen Senders. Aber Klaus Landowsky, Generalsekretär der Berliner CDU und Meinungsführer der bürgerlichen Mehrheit im Rundfunkrat, sagt kategorisch: "Wir halten an Loewe fest."

Bevor wir versuchen, Landowskys Motive zu erhellen, müssen wir noch ein paar Ungereimtheiten auftischen. Rundfunkratssitzung, Montag vergangener Woche. Das Gremium tagt, anders als in den bundesrepublikanischen Sendern, öffentlich, ein schöner, ein demokratischer Zug, der nur einen einzigen Nachteil hat: ein jeder Kann erleben, wie zynisch Macht gehandhabt wird, wie wenig formelle Unabhängigkeit bedeutet, wie sich die "Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens" und die "Vertreter der gesellschaftlich relevanten Gruppen" im Stellungsgerangel verlieren, während die Krise des SFB sich zuspitzt.

Lothar Loewe hält eine Rede. Er fordert, der Rat solle endlich den von ihm zum Chefredakteur benannten Jürgen Engert bestätigen. Der Rat lehnt ab. Und Loewe beharrt, die fristlose Kündigung der beiden Leiter der Hörspielabteilung, Ulrich Gerhardt und Garleff Zacharias-Langhans, habe er nur ausgesprochen, weil diese beiden "dem Sender schweren Schaden zugefügt" hätten. Der Rat denkt anders. Die Kündigung, schreibt Hans Höppner, der scheidende Vorsitzende des Gremiums, im Berliner Volksblatt, habe womöglich das "Faß zum Überlaufen gebracht". Und Höppner verweist auf den wesentlich mächtigeren Landowsky. Dieser habe "die Hoffnung geäußert, die Kündigungen mögen korrigierbar sein .

Nein, auch wenn Loewe sich unabhängig geriert, der Rundfunkrat, voran Landowsky, regiert, eigentlich müßte Loewe es merken. Als eben jener Hans Höppner sein Amt als Vorsitzender des Rundfunkrats niederlegt, dankt der Intendant ihm ("Höppner hat mir stets als kollegialer Ratgeber zur Seite gestanden"), und das Gremium bricht in Gelächter aus. Kollegialer Ratgeber? Loewe kann nicht entgangen sein, was Höppner noch alles im Volksblatt geschrieben hat. "Hat Loewe überreizt?" fragte Höppner, die fristlosen Kündigungen der Hörspielleiter im Auge. "Die Kernfrage an Lothar Loewe lautet, ob er selbst noch ‚korriierbar‘ ist. Wenn nicht", drohte Höppner, "wird der Rundfunkrat seine Wahl noch vor 1988 korrigieren."