Von Gerd Bucerius

Adenauer an (immerhin) Professor Dr. Hans Schwippert, der das Palais Schaumburg für den Kanzler umbauen sollte:

"Ich weiß nicht, ob Ihnen schon aufgefallen ist, daß sowohl der Schreibtisch wie auch diese Sessel mit Armlehnen alles andere als stabil sind. Die Sessel mit den Öhrchen werden schon, wenn sie einige Male gebraucht sind, ... Schmutzflecke der Hände tragen, die sie anfassen" (25. 5. 1950). – "Öhrchen" wird in Köln "Öhrschen" ausgesprochen und wertet verniedlichend ab.

Politik sei das Bohren dicker Bretter, verpaßten uns aufgeregten Neulingen des Bundestages 1949 die "Alten". Das Beispiel gab Adenauer. Davon zeugt der dritte Band von

Adenauer – Rhöndorfer Ausgabe, Briefe 1949-1951. Heg. von Rudolf Morsey und Hans-Peter Schwarz, bearbeitet von Hans Peter Mensing; Siedler Verlag, Berlin 1985; 626 S., 78,– DM (Leinen; 178,-DM Leder).

Tag und Nacht, meinten wir damals, denke Adenauer an die Wiedervereinigung, an die Verteidigung der Bundesrepublik vor den Sowjets und an die Befreiung von den Fesseln der Besatzung. Er tat es wohl auch. Aber die "Öhrschen" wurden darüber nicht vergessen; und er hatte recht. Zehn Jahre später habe ich als Kaufmann bitter gelernt, daß ein Unternehmen (und der Staat ist gewiß eines) nur leiten kann, wer die Kleinigkeiten sieht und für wichtig hält.

Adenauer ließ es dabei an Drastik nicht fehlen. Im selben Brief an Prof. Schwippert: "Ich habe in der Zwischenzeit auch diese tropfsteinförmigen Beleuchtungskörper gesehen, die Sie vorgesehen hatten für den Speisesaal. Sie sind unmöglich." – Übrigens: Einen Satz, gar einen Brief, mit "ich" anzufangen, hatte man uns in der Schule als Unbescheidenheit verwiesen. Adenauer hatte da keine Hemmungen.