Liebe und Zuwendung auf später vertagt

Von Katharina Zimmer

Es geht, wieder einmal, um die ersten Erfahrungen im Leben des Menschen. Unter dem Titel „Stellt die Frühkindheit die Weichen?“ melden die Schweizer Psychologen Cécile Ernst und Nikolaus von Luckner schwere Zweifel an allem an, was bisher zu diesem Thema geforscht, untersucht und veröffentlicht worden ist. Mehr noch, sie bezichtigen die bisherige Forschung auf diesem Gebiet der Unwissenschaftlichkeit. Ihre These: Mangel an Zuwendung in der Kindheit läßt sich kompensieren.

Was wir über das Zuwendungsbedürfnis der frühen Jahre wissen, orientiert sich immer noch an den in den 40er und 50er Jahren veröffentlichten Arbeiten über die emotionale Entwicklung von René Spitz und John Bowlby. Sie wiesen nach, daß ständiger Mangel an Liebe, an einer zuverlässigen Bezugsperson, an Anregung jeglicher Art, an Anerkennung und Toleranz (eben das, was wir unter Deprivation verstehen) Störungen und Schädigungen in der Jugend und sogar im Erwachsenenalter erwarten läßt. Am besten, so ihre bisher immer wieder bestätigte These, werden die Grundbedürfnisse eines Kleinkindes in der Familie erfüllt.

Noch weiter gingen in den 70er Jahren die amerikanischen Kinderärzte M. H. Klaus und J. H. Kenneil. Sie hatten sich eingehend mit der frühen Mutter-Kind-Bindung beschäftigt und waren zu dem Schluß gekommen, schon die ersten Stunden und Tage nach der Geburt, der Auftakt der Beziehung zwischen der Mutter und dem Neugeborenen, seien im Leben eines Menschen entscheidend. Eigene neuere Beobachtungen der beiden Ärzte ließen jedoch Zweifel an dieser radikalen These wach werden. Heute räumen Klaus und Kennell ein, daß auch spätere Erfahrungen ihren Stellenwert haben und teilweise auszugleichen vermögen, was vielleicht zu einem frühen Zeitpunkt versäumt wurde.

Ein anderer Amerikaner, Jerome Kagan, gibt in seinen bereits zur psychologischen Standardliteratur zählenden Untersuchungen über die „Kindheit“ und die „Natur des Kindes“ zu bedenken, daß nicht das ganze Schicksal eines Menschen in der frühen Kindheit beschlossen sei, ebenso wie die Familie nicht ausschließlich verantwortlich zu machen sei für die positive oder negative Entwicklung eines Kindes. Er meint jedoch, die Bindung an eine Bezugsperson bringe im Kind eine besondere Bereitschaft hervor, sich von diesem Menschen sozialisieren zu lassen. Darin sieht Kagan einen der entscheidenden Gründe für die Bedeutung der Familie und die Art, wie Erwachsene mit kleinen Kindern umgehen. „It does matter!“ sagt Kagan bekräftigend am Ende seines Buches. Kagans Thesen und Beobachtungen stimmen im Kern mit den Aussagen der Deprivationsforscher der letzten 30 Jahre überein. Er differenziert und ergänzt allerdings.

Ganz anders nun die Untersuchung von Ernst und von Luckner, die zu dem Schluß kommt, alle bisher veröffentlichten Beobachtungen zu diesem Thema (vor allem aber die von Spitz und Bowlby) seien Unsinn. Es lohnt sich, die Art der Beweisführung dieser Schrift einmal unter die Lupe zu nehmen, da sie einige beispielhafte Fragwürdigkeiten aufweist.