Andere Welt

Die Japaner sind ein lesefreudiges Volk. Neben den großen Tageszeitungen finden sie an ihren Kiosken mehr als siebzig im ganzen Land verbreitete Wochenzeitungen und -zeitschriften – darunter jetzt auch ein exotisches Produkt, das amerikanische Nachrichtenmagazin Newsweek in japanischer Übersetzung. Neunzig Übersetzer sorgen dafür, daß die japanische Ausgabe zwei Tage nach dem Erscheinen des Originals die Japaner über die Weltereignisse aus amerikanischer Sicht aufklärt. Das neue Blatt sei geeignet, "die kulturellen Unterschiede zwischen den beiden Ufern des Pazifik zu überwinden", kommentierte der amerikanische Präsident. Auf dem Titelbild des ersten Japan-Newsweek scheint Nippon allerdings nicht auf einem anderen Längengrad als Amerika zu liegen, sondern auf einem anderen Planeten: Über den Bergen Japans geht die Erde auf, eine Art Mondgesicht, das mit erstaunten Augen auf das Land um den Fudschijama blickt.

Konkurrenz

Ronald Reagans Popularität in Amerika ist höher denn je, und doch droht eine andere Persönlichkeit den Präsidenten in den Meinungsumfragen der amerikanischen Demoskopen zu überholen: Nancy Reagan. 68 Prozent der Amerikaner haben eine gute Meinung von Ronald, 66 Prozent von der First Lady, die damit vor allen amerikanischen Politikern liegt. Sie wird auch dort geschätzt, wo ihr Mann kaum Anhänger hat: unter Arbeitslosen, Schwarzen und Linken. Nancy gilt nicht mehr wie vor einigen Jahren noch als nichtsnutziges Luxusweibchen. Die Amerikaner sind von ihrer Kampagne gegen das Rauschgift beeindruckt; viele glauben, daß Reagans neue Aufgeschlossenheit für Abrüstungsvorschläge auf die guten Ratschläge seiner Frau zurückgeht.

Heldinnen

Mit einem "Marsch für das Leben" demonstrierten 40 000 Abtreibungsgegner in Washington gegen die liberale Regelung des Schwangerschaftsabbruchs im amerikanischen Strafrecht. Vor dem Gebäude des Obersten Gerichtshofs, der vor genau 13 Jahren die Abtreibung in allen 50 Bundesstaaten legalisierte, warfen sich ungefähr hundert Lebensmarschierer auf die Knie, hoben die Hände gen Himmel und begannen zu beten. Andere benutzten ihre Hände weniger fromm. Sie ballten ihre Fäuste gegen die Polizisten, die ihnen den Weg versperrten. Wieder andere Demonstranten zogen vor Krankenhäuser, in denen Abtreibungen vorgenommen werden. Unterstützung von ganz oben war den Marschierern gewiß. Ronald Reagan hatte bereits am Vormittag versichert, jede Frau die sich entschlossen habe, nicht abzutreiben, sei eine "Heldin".

Unter Brüdern

Ein festliches Bankett für den hohen Staatsgast im besten Hotel der Hauptstadt: Der gastgebende Premier und seine Minister tafeln zu Ehren ihrer Staatsgäste – die aber sitzen schmollend in ihren Hotelzimmern. So geschah es jetzt in Zimbabwes Hauptstadt Harare, wo der iranische Präsident Chamenei mit vierzehn Ministern seine Tour durch sechs afrikanische Länder abschloß. Chamenei und seine Leute weigerten sich, an einem Essen teilzunehmen, bei dem Alkohol serviert wurde und an dem – gräßliche Vorstellung für die Mullahs aus Teheran – Frauen teilnehmen sollten. Schon vorher hatte sich Chamenei geweigert, den Ministerinnen im Kabinett Mugabe die Hand zu geben oder mit unverschleierten Journalistinnen zu sprechen. Zimbabwes Regierung war befremdet, ließ aber mitteilen, trotz aller Vorfälle rund um den Besuch der bärtigen Herren blieben die Bande zwischen den beiden Staaten "warm und brüderlich".